Als Gospel flügge wurde

17. Dezember 2004, 12:47
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Heute vor 40 Jahren starb der Soulsänger Sam Cooke, der in den späten 50er-Jahren die Grenze von Pop zu Gospel überschritt

"Lady, you shot me", soll er noch gerufen haben. Dann brach er, von einer einzigen Kugel tödlich getroffen, zusammen. Bekleidet war er nur mit einem Mantel und auf der Suche nach Elisa Boyer, einem Model, mit dem er, leicht betrunken, in einer billigen Absteige in Hollywood eingecheckt hatte. Doch statt ein amouröses Abenteuer zu erleben, entschied sich Boyer anders, nahm die Hosen ihres Begleiters an sich und türmte. Als sich dieser auf die Suche nach ihr machte, wandte er sich an die Rezeptionistin des Hacienda-Motels, schrie sie an - "Where's the girl?" - und verängstigte diese Bertha Lee Franklin so sehr, dass sie keinen anderen Ausweg mehr sah, als auf den Mann ohne Hosen zu schießen. So starb vor 40 Jahren, am 11. Dezember 1964, der Soulsänger Sam Cooke. Er wurde 33 Jahre alt.

Zu seinem Begräbnis kamen 200.000 Menschen. Kollegen wie Lou Rawls oder Bobby Bland sangen zum Abschied ebenso wie Ray Charles, der mit dem todtraurigen Angels Keep Watching Over Me die Zeremonie beschloss. Black America war erschüttert. Für die schwarze Bürgerrechtsbewegung war Cooke eine wichtige Identifikationsfigur. Jener Mann, der ihr mit dem von Bob Dylans Blowing In The Wind inspirierten Song A Change Is Gonna Come die programmatische Hymne schrieb.

Sam Cooke war der Erste der großen Gospelstars, der auf die weltliche Seite wechselte. Weil das in den afroamerikanischen Glaubensgemeinden der 50er-Jahre noch als Verrat angesehen wurde, tat er das zuerst unter einem Pseudonym: Als Dale Cook veröffentlichte er die Sing- le Loveable. Die folgende You Send Me verkaufte sich zwei Millionen Mal und wischte sämtliche Bedenken Cookes bezüglich dieses Schritts ins Popfach vom Tisch. Es erklomm nicht nur die Rhythm'n'Blues-Charts, es toppte auch die (weißen) Pop-Charts. Das war 1957. In den folgenden Jahren stieg Cooke zum Superstar auf, hatte mit Songs wie Only Sixteen, Chain Gang oder Wonderful World seine größten Hits. Er verkörperte einen neuen Typ des schwarzen Entertainers. Cooke besaß die Eleganz des von ihm bewunderten Nat "King" Cole und das Image eines Sonnyboys - und war es auch. Seine Songs, eine Mischung aus sentimentalen Standards und Teenager-Soul, waren massenkompatibel, erreichten ein weißes Publikum ebenso wie das schwarze.

Cook (ursprünglich ohne "e") kam am 22. Jänner 1931 in Clarksdale, Mississippi, zur Welt, wuchs allerdings in Chicago auf. Dort trat er als Teenager der Gospeltruppe Highway QC's bei, später ersetzte er Robert Harris bei den Soul Stirrers, einer der berühmtesten Gospelformation jener Tage. In Peter Guralnicks Standardwerk Sweet Soul Music erinnert sich ein Wegbegleiter Cookes: "Damals war es üblich, bei den Gospelkonzerten die ersten fünf, sechs Reihen den alten Besuchern zu überlassen. Mit Sam änderte sich das. Plötzlich saßen in den ersten Reihen lauter junge Leute." Trotzdem sollte es noch eine ganze Weile dauern, bis Cooke bei seinem weltlichen Publikum ebenso erfolgreich war. Sein väterlicher Freund J. W. Alexander erzählt: "Zu Beginn stand Sam steif wie ein Besen auf der Bühne. Zwar sang er wunderbar, aber das Publikum wollte nicht so richtig mitgehen. Er schien es regelrecht zu blockieren. Ich forderte ihn dann auf, den Gospelspirit aus sich herauszulassen. Erst als er sich das traute, sich auf den Dialog mit seinem Publikum einließ und sich in seinen Vortrag fallen ließ wie früher bei den Soul Stirrers, ging es richtig los." In Folge spielte Cooke alle Konkurrenz in Grund und Boden. Selbst Jackie Wilson, zu jener Zeit neben James Brown der wohl eindringlichste Performer, wurde von Cooke ausgestochen.

Cooke lebte vor, wie man die Intensität des Gospel im Pop fortführen konnte. Damit wurde er zum Role Model. Hunderte Sänger, die ihre Kindheit und Jugend in schwarzen Gospelchören verbracht hatten, wechselten in den folgenden Jahren die Seiten. Auch wenn Ray Charles unter dem Einfluss der Rock'n'Roll-Revolution schon vor Cooke den berühmten Kunstgriff getan hatte, in einem Song "Jesus" durch das Wort "Baby" zu ersetzen, war es Cooke, der damit ein neues Selbstverständnis etablierte. Doch die Ernte seiner Saat sollte Cooke nicht mehr erleben.

In den frühen 60ern versuchte Cooke vom leichten Pop weg zu inhaltsschwereren Themen zu kommen. Ein schwieriger Weg für jemanden, der gerade wegen seiner Unverfänglichkeit so erfolgreich war. Cooke gründete seinen eigenen Musikverlag und hinterließ bei seinem Tod rund 120 selbst verfasste Songs. Politisch blieb er bis zu seinem Ende eher unbeleckt. Obwohl er viel Zeit mit Leuten wie Malcom X verbrachte, sich für die Black Muslims interessierte und sogar Aufnahmen für den eben erst konvertierten Muhammed Ali produziert hatte.

1964 entstand das Album Live At The Copa, das - neben A Change Is Gonna Come - das wichtigste Werk im Vermächtnis Cookes ist. Peter Guralnick nennt es "eines der einflussreichsten Soulalben aller Zeiten." Für ihn ist es der Gegenentwurf zu James Browns apokalyptischem Live At The Apollo. Es war das Album, das für Künstler wie Otis Redding die Initialzündung war und mit dem sich Cooke als Pionier einer neuen Soulszene profilierte. Der legendäre A&R-Mann Jerry Wexler, der vergeblich versuchte, Cooke für Atlantic Records zu verpflichten, nennt ihn "den besten Sänger aller Zeiten, kein Zweifel". Sein Vermächtnis prägte Legionen von Musikern und wird bis heute von ihnen gepflegt: Otis Redding, die Rolling Stones, Rod Stewart, Bobby Womack, der kurz nach Cookes Tod dessen Witwe Barbara heiratete, und unzählige andere mehr. Auch die große Aretha Franklin. Sie zählt in ihrer Autobiografie Aretha Cookes Todestag neben der Ermordung Martin Luther Kings zu den traurigsten Momenten ihres Lebens. (ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 11./12.12.2004.2004)

Von
Von Karl Fluch
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    Den Blick erhoben zu Gott, zu Füßen kreischende Teenager: Sam Cooke.

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