Die List-Halle - ein Grazer Unfall

13. Dezember 2004, 21:00
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Der "herbst" und die Öffentlichkeit

Dem steirischen herbst ist etwas widerfahren, worum ihn jeder Werbestratege nur beneiden kann: Man spricht, man streitet und man schreibt wieder über ihn.

Der Verfasser dieser Zeilen, im vergangenen Jahrtausend selbst acht Jahre lang Intendant dieses Festivals, weiß genau, dass einem als Festspielverantwortlicher derlei Glücksfälle einer breiten Kenntnisnahme nicht jeden Tag in den Schoß fallen und dass man es sich nicht aussuchen kann, weshalb man, nicht zuletzt dank der Wachsamkeit der Kleinen Zeitung, ins Gerede kommt.

So war der steirische herbst schon 1986 Gegenstand einer längeren Serie dieser Zeitung, in der regionale Kulturschaffende die Möglichkeit erhielten, ihre Vorschläge darzustellen. Zwischen den damals und heute erschienenen Diskussionsbeiträgen sind zwei Unterschiede auffällig: Diskutierte man im ersten Fall über Inhalte, so entzünden sich die gegenwärtigen Debatten in erster Linie an einem Budgetloch.

Der zweite Unterschied liegt in der Länge der Wortmeldungen. Wurde den Argumenten der einzelnen Beiträger im ersten Fall noch reichlich Raum gegeben, so handelt es sich nun eher um Abbreviaturen, in denen nur die Kernsätze der geäußerten Meinungen wiedergegeben werden.

Diese zunächst sehr äußerlichen Feststellungen sind allerdings für die fundamentale Veränderung im heimischen Kulturbewusstsein symptomatisch. Eine breite Öffentlichkeit ist heute mit substanziellen Debatten nicht mehr zu mobilisieren. Da müssen schon handfeste Fehlbeträge her, über die man sich so richtig satt entrüsten kann, auch wenn man noch nicht einmal weiß, wie hoch sie in Wirklichkeit sind.

Der Telegrammstil, in dem diese Meinungen zur Kenntnis gebracht werden, ist überdies ein korrekter Gradmesser für den Rückgang des allgemeinen Interesses an Kunst und Kultur. Nicht zuletzt wird dieser Gewichtsverlust durch den Tatbestand belegt, dass es in der Steiermark ebenso wie im Bund zum guten Ton gehört, diese so hochsensiblen Bereiche zur "Chefsache" zu bagatellisieren. Nur unter solchen Voraussetzungen konnte es zu jenem Betriebsunfall kommen, als der die Errichtung der List-Halle nun allgemein dargestellt wird.

Der Unfall wurde allerdings nicht so sehr von jenen verursacht, die den Bau dieser Halle betrieben, sondern vielmehr von denen, die sie nicht erbauten. Schon vor mehr als 20 Jahren pilgerte der Autor dieses Beitrags von einem Politiker zum anderen und wies auf die dringende Notwendigkeit eines technisch für die Präsentation zeitgenössischer Kunst gerüsteten Veranstaltungsareals hin, dessen Fassungsvermögen auch Gastspiele rentabel machen sollte.

Keiner der Angesprochenen, der nicht folgenloses Verständnis signalisiert hätte. Nun ist dem herbst und selbstverständlich auch dem Styriarte-Festival die List-Halle in den Schoß und Peter Oswald, dem Motor des Projektes, bedauerlicherweise auf den Kopf gefallen. Es ist der falsche Kopf. Schließlich war es das Präsidium, das jenen nun bejammerten Vertrag mit dem Erbauer unterzeichnete.

Und trotz allen Wehgeschreis bleibt das Folgende festzuhalten:
1.) Die List-Halle ist ein vor allem akustisch hochwertiges Veranstaltungsareal. Nach einer gewissen Vorlaufzeit wird ihre Auslastung ökonomisch sicher tragbar sein. Und so mancher, der sich jetzt empört, wird sich dereinst ihrer brüsten.
2.) Die Stadtväter sollen nicht ständig ihren selbst verschuldeten Kassastand wie einen Invalidenausweis zücken, sondern die List-Halle an das Verkehrsnetz anbinden.
3.) Verträge sind nicht die Bibel. Anstatt nun den Intendanten, nur weil er das erreichte, wozu kein Vorgänger, mich eingeschlossen, die Durchschlagskraft hatte, an den Pranger zu stellen, könnte die Landeshauptfrau ihre "Chefsache" dem Erbauer gegenüber vertreten. Als Ex-Wirtschaftslandesrätin sollte es ihr möglich sein, günstigere Vertragsbedingungen zu erwirken.
(DER STANDARD, Printausgabe vom 6.12.2004)

Von
Peter Vujica
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