Advokat des wahren Augenblicks

10. Dezember 2004, 10:45
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Der in Musikdingen "sesshafte" Dirigent Nikolaus Harnoncourt wird 75

Wien - Hätte er Lust auf einen "höheren" Salzburger Posten verspürt, wäre die verunglückte Diskussion um Franz Welser-Möst und dessen womöglich festivaldominierende Präsenz in der Nach-Ruzicka-Ära erst gar nicht aufgekommen. Aber man hat ihn nicht gefragt, wohl wissend, dass er wohl für Projekte entflammbar, nicht aber engagierbar ist, wie er selbst sagt. Zumal nicht für "Positionen".

Klar. Mittlerweile ist dies auch eine Frage der eigenen Endlichkeit - heute wird Nikolaus Harnoncourt 75. Auch vor Jahren wäre seine Abneigung jedoch nicht geringer gewesen - das Angebot, ins Direktorium der Festspiele einzuziehen, hat er ja einst abgelehnt. In Musikdingen ist er indes ein Mann der Sesshaftigkeit. Reisen schätzt er nicht sonderlich, er arbeitet nur mit wenigen Ensembles zusammen, und einen Hauch der Selbstinstitutionalisierung gestattet er sich bei der Styriarte. Natürlich ist der Concentus Musicus nur sein Ensemble, was jedoch für dessen Zukunft nichts Gutes verheißt.

Und fast ewig währte seine Bindung an Teldec, bis sie im Zuge der Branchenkrise ein unwürdiges Ende fand, nachdem die CD-Firma kurzerhand (die Mikros waren schon aufgestellt) eine Aufnahme absagte, obwohl man Harnoncourt wenige Jahre zuvor einen Vertrag auf Lebenszeit angedient hatte.

Hinter all der Abneigung gegen Machtpositionen steht wohl der Wunsch nach Freiraum für das Wesentliche, das Umsetzen musikalischer Überzeugungen. Nach siebzehn Jahren verließ er seinen Posten als Cellist der Symphoniker, längst wich das vom Dirigentenpult aus Eingeforderte (ins Lieblich-Opulente Kippende) zu sehr vom eigenen, durch Quellenstudium mit dem Concentus erarbeiteten Weltbild ab.

Auch später: Aus Mortiers Salzburg verabschiedete er sich, als er für sich dort keinen sinnvollen Platz mehr sah. Und an die Staatsoper unter Ioan Holender konnten ihn weder Briefe des Direktors noch die Diplomatie der Philharmoniker bringen. Wer den unsicheren Weg zum musikalischen Selbst durch ein Dickicht aus Autografen und Anfeindungen ging, der muss nichts mehr tun. Außer das, wozu es ihn drängt.

Als man in den 50ern in Harnoncourts Josefstädter Wohnung begann, sich in die Historie zu vertiefen, tat man dies ja unter harten Bedingungen. Geld war knapp, ungefähr die Hälfte des Einkommens ging dennoch in den Erwerb alter Instrumente. Nach dem Symphonikerdienst ging es mit dem Vergrößerungsapparat an die Entschlüsselung der Noten. Ein Werk wurde abgeschrieben, in Partitur gesetzt, dann durchgespielt und mitunter als uninteressant verworfen. 1957 kam es dann im Palais Schwarzenberg zum ersten Konzert des Concentus. Freundliche Reaktionen.

Erst als man sich später herb des etablierten Repertoires annahm, musste man auch mit Feindseligkeit umgehen lernen. Alles Geschichte. Nach Monteverdi- und Mozart-Zyklen in Zürich, nach der Aufnahme aller Bach-Kantaten, nach zwei Neujahrkonzerten ist Harnoncourt ein globaler Star, der sich selbst aus dem Spezialistenkosmos der Alten Musik herausdirigiert hat (in den Niederlanden hatte er Bach als Spitznamen) - in eine Sphäre, die es ihm erlaubt, auch mit den Wiener Philharmonikern Barockes ohne Selbstverrat zu deuten.

Letztlich ist ja seine Philosophie doch eine der Offenheit. Auf der Basis des Objektivierbaren geht es um Subjektives, um einen in sich stimmigen Werkentwurf. Und wenn schon um Wahrheit, dann um eine des Augenblicks. Man denke nur an seinen Salzburger Don Giovanni mit seinen Tempoextremen und der Lyrik wie auch an das neu aufgenommene Mozart-Requiem, das langsamer ist und weicher klingt als die Aufnahme aus 1982. Allerdings: Inhalte werden nach wie vor nicht der Klangschönheit geopfert. Und die Neubefragung von Traditionen steht nach wie vor im Vordergrund für Harnoncourt. Das bringt nicht nur Überraschungen, vielmehr vertiefende Erneuerung, wenn etwa unter seinen Händen der Radetzkymarsch zur tieftraurigen Musik mutiert. Bei Bizets Carmen, bei der kommenden Grazer Styriarte, sehen wir uns wieder ... (DER STANDARD, Printausgabe vom 6.12.2004)

Von
Ljubisa Tosic
  • Bild nicht mehr verfügbar

    Nikolaus Harnoncourt

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