Annans Demontage

1. Dezember 2004, 18:37
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Die Abrechnung dem UN-Generalsekretär ist eine Herzensangelegenheit der US-Republikaner - von Markus Bernath

Die Großorganisation der Vereinten Nationen durchlebt dieser Tage ein Wechselbad von reformerischem Aufbruch und Endzeitgeraune. Die Erklärung für diesen unangenehmen Spagat ist einfach: Es ist der mittlerweile systematisch gewordene Konflikt der UNO in New York mit der amerikanischen Regierung, der die nach vorn weisenden Vorschläge der UN-Reformkommission etwa für einen Washingtons Macht schmälernden Umbau des Sicherheitsrates ebenso steuert wie die Demontage des Generalsekretärs Kofi Annan.

Die Abrechnung mit Annan, der den Irakkrieg nicht verhindern konnte, aber sonst so ziemlich alles unternommen hatte, um ihm den völkerrechtlichen Mantel zu verwehren, ist eine Herzensangelegenheit der Republikaner im US-Senat wie im Weißen Haus.

Annan jetzt zu schwächen und ihm eine Korruptionsaffäre seines Sohnes anzuhängen kommt Washington sehr entgegen: Im Irak stehen nächsten Monat die von den USA gewünschten Wahlen an, und der UN-Generalsekretär wird zuvor seine Einschätzung abgeben müssen, ob dieser Wahlgang unter Einhaltung demokratischer Grundregeln überhaupt durchführbar ist. Mehr Gefügigkeit vom Generalsekretär mag sich Washington auch im Fall des Iran erwarten. Die US-Regierung würde Teheran wegen des Atomprogramms gern weiter mit UN- Sanktionen drohen.

Dass Kofi Annan, der sein Image als Wanderprediger im Kreis der kalten Staatenmonster pflegt, in seiner eigenen Familie nicht Moral und Interesse trennen konnte, hat - wie der Generalsekretär richtig feststellte - ein "Wahrnehmungsproblem" geschaffen. Will er noch bis zum Ablauf seiner Amtszeit Ende 2006 UN-Generalsekretär bleiben und auch nicht zur "lame duck" für die US-Diplomatie werden, wird Annan zunächst eines erklären müssen: warum er überhaupt zuließ, dass sein Sohn Geschäfte mit einem UN-Irak-Programm machte. (DER STANDARD, Printausgabe, 2.12.2004)

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