Detektiv des Anderen: Ryszard Kapuscinski referiert in Wien

5. Dezember 2004, 20:59
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Seine Analysen der Macht, ihrer Symbole und ihres Zerfalls - in Äthiopien wie im Iran, in der Sowjetunion wie in Angola - zählen zu den Meisterwerken der Gegenwart

Wien - Ryszard Kapuscinski einen Reisejournalisten zu nennen, käme der Bemerkung gleich, sein Landsmann Karol Wojtyla sei Pfarrer in Rom.

Es ist schwer, das Phänomen Kapuscinski treffend zu charakterisieren. Immer besteht Gefahr, je nach Blickwinkel, einen wesentlichen Aspekt seines Werks zu unterschlagen. Ein Forscher der Macht, ein "Detektiv des Anderen", "einer positiv verstandenen Fremdheit, mit der ich in Berührung kommen möchte, um sie zu verstehen", untersuchte Kapuscinski Entstehung und Zerfall politischer Systeme, untersuchte deren Organisation und ihre Symbole, untersuchte Werte, Rhythmen, Rituale fremder Kulturen. Nie ohne tiefen Respekt vor der Würde jedes einzelnen Menschen.

Rhythmus der Sprache

1956 wurde er, 24-jährig, als Korrespondent ins eben unabhängige Indien geschickt. Nach Polen kehrte er in den kommenden Jahrzehnten nur zurück, um seine Notizen zu sichten und sie, den Rhythmus der Muttersprache im Ohr, zu Büchern zu verdichten. Werken jenseits herkömmlicher Genres, in ihrer spezifischen Verknüpfung präzisester journalistischer Recherche mit tiefer philosophischer Reflexion, von Essayismus und fiktionaler Prosa. Bücher, die auch aufgrund ihrer stilistischen Brillanz zu den Hauptwerken polnischer Literatur des zwanzigsten Jahrhunderts zählen.

König der Könige. Eine Parabel der Macht, seine literarische Reportage vom Zerfall der absolutistischen Herrschaft Haile Selassies in Äthiopien (1978), wurde in New York zu einem der 150 wichtigsten Bücher des Jahrhunderts gekürt.

Fußkissenträger

Aus hunderten fiktionalisierter Berichte setzt Kapuscinski darin das Bild eines Schreckensregimes zusammen. Der jede Reise begleitende Fußkissenträger des (körperlich sehr klein gewachsenen) Königs kommt ebenso zu Wort wie jener niedere Lakai, dessen Aufgabe Jahrzehnte hindurch darin bestand, hohen Würdenträgern des Hofes die Pisse des königlichen Schoßhundes von den Schuhen zu wischen.

Wie genau Kapuscinski seine Sprache dem jeweiligen Thema anpasste, geht aus Interview-Bemerkungen zur Entstehung von König der Könige hervor, veröffentlicht in Die Erde ist ein gewaltsames Paradies (2000): "Meine Kritik der autoritären Struktur der Macht drückte sich darin aus, dass ich ihre Unzeitgemäßheit bloßlegte. Dabei ging es zugleich darum, die Überholtheit unseres autoritären Systems in Osteuropa darzustellen. Also las ich sorgfältig die alte, feudale polnische Literatur des 16., 17. und 18. Jahrhunderts. Ich fand wundervolle, vergessene Wörter, die plastisch und farbenreich waren, und ich entwickelte daraus ein eigenes Vokabular."

In den Berichten von Diktaturen und Bürgerkriegen Lateinamerikas (Der Fußballkrieg, 1978) wiederum inspirierte ihn der "Rokoko-Effekt", der barocke Reichtum der spanischen Sprache. Nach 1989 reiste er 60.000 Kilometer durch den Dauerfrost Sibiriens, durchquerte die sich auflösende Sowjetunion von Brest bis Magadan, von Workuta bis Termes. Imperium. Sowjetische Streifzüge (1993) zeigt Detailbilder, Momentaufnahmen des zerfallenden Reiches. Etwa aus Workuta jenseits des Polarkreises, einem Kohlerevier, dessen Erschließung für hunderttausende Opfer des stalinistischen Terrors den Tod bedeutete - und in dem noch heute Bergleute bei -40 Grad Kälte in monatelanger Dunkelheit wenig mehr verdienen als die tägliche Mahlzeit.

Verirrt in der nächtlichen Schneehölle Workutas hätte Ryszard Kapuscinski fast das Leben verloren. Ein Risiko, das er, Augenzeuge Dutzender Revolutionen und Bürgerkriege, wiederholt in Kauf nahm. Ebenso wie Krankheiten. Etwa Malaria oder afrikanische Tuberkulose. Seine Reisen, denen intensive Lektüre vorausgeht, heißen niemals Erholung. "Mein Reisen bedeutet Aufmerksamkeit, Geduld zur Erkundung, Wille zum Wissen, zum Sehen, zum Verstehen und zur Akkumulation des gesamten Wissens. Solches Reisen ist Hingabe und harte Arbeit." Hingabe auf der Suche nach etwas so Ungreifbarem wie Wahrheit. (Cornelia Niedermeier/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30. 11. 2004)

Vom 1.-3.12., jeweils um 18.00 Uhr, wird Ryszard Kapuscinski in Wien am Institut für die Wissenschaften vom Menschen zum Thema "On Others" referieren.
9., Spittelauer Lände 3.

Wegen Platzmangel wird um Voranmeldung gebeten.

Tel. (01) 313 58-0
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