Ich bin Raucher - ich bin Nichtraucher

4. Dezember 2004, 00:35
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Man kann beides sein, einmal das eine, dann das andere - Beides ist den Aufwand wert - ein Lagebericht

Ein Lagebericht von Ernst Molden

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Im April '04 macht der Fotograf Urban ein Bild von mir, auf dem ich auf einem windigen Gumpendorfer Dach stehe und schaue. Hinter mir erhebt sich wie eine Faust der Flakturm im Esterhazypark, der das Haus des Meeres enthält. Die Aufnahmen zur neuen Platte sind fertig, der Fotograf Urban schießt also das Cover.

Gewisse Schwere, die dem Nichtraucher eigen ist

Auf diesem Bild nun bin ich ein feister, finsterer Mann, neun Kilo schwerer als jetzt und sichtlich überdies an jenem Tag ohne freudiges Ereignis, das dem Fototermin vorangegangen wäre. Das Foto zeigt mich als Nichtraucher. Alles an mir hat diese gewisse Schwere, die dem Nichtraucher eigen ist. Nicht einmal meine Frisur bewegt sich inmitten der stürmischen Gumpendorfer Dächer, und meine Hände, die doch noch eben ein Schälchen schwarzen, teerigen Espressos gehalten haben, sie zittern gleichwohl nicht. Im Refrain des Titelsongs Haus des Meeres heißt es: Bäume rascheln, Viecher fauchen, tät ichs noch, ich würde rauchen. Aber alles zu seiner Zeit.

Man kann beides sein

Ich bin Raucher. Ich bin Nichtraucher. Beides zu seiner Zeit. Man kann beides sein, einmal das eine, dann das andere. Man kann zwischen den beiden Zuständen wie zwischen Nacht und Tag hin- und herwechseln, oder wie zwischen zwei Imperien mit anderen Gesetzen und anderer Folklore.

Was Liebe und Nikotinsucht gemeinsam haben: An ihren Anfängen steht keinerlei Entscheidung. Auf einmal liebt man. Mit einem Mal raucht man. Im Verlauf des Lebens gewinnt man bei den Tschik allerdings die Entscheidungsgewalt zurück, ja, das ist wahr. Anders als bei der Liebe, der richtigen, kann man aufhören. Oder doch: wechseln.

"Since I quit, I can take one"

"Since I quit, I can take one", sagt Iggy Pop in Jarmuschs wunderbarem neuen, alten Film zu Tom Waits, der ihm eine Mäuberl hinhält, und greift zu. Weil er ja eh aufgehört hat. Da ist sie, die Logik des Doppelspions, des Wechslers, des Rauchers-und-Nichtrauchers.

Wenn Sie das hier lesen, habe ich viereinhalb Monate geraucht. Davor ein halbes Jahr nicht. Wieder davor acht Monate schon. Davor fünf Monate nicht. Und so weiter.

Die erste Muratti

In früheren Jahren habe ich durchgehend geraucht, viel sogar, habe ich mich sozusagen dermaßen ausschließlich im Imperium A aufgehalten, dass ich die Existenz von Imperium B fast vergaß, wo ich, wie alle Kinder, ja schon einmal war, nichtrauchend wiewohl zwischen kettenrauchenden Eltern. Aber dann, mit dreizehn. Die erste Muratti, mit einem Freund, auf einem Steinbogen, der den Nußdorfer Eichelhofweg überspannt. Uns wurde so schlecht, dass wir fürchteten abzustürzen, und wir klammerten uns eine halbe Stunde an dem Gemäuer fest. Mehlweiß kamen wir herab. Jetzt wissen Sie alles. Ab dann war Rauchen, jahrelang.

Zum Nichtrauchen wiederum driftet die Existenz hin wie Sindbads Nachen an eine unbekannte und doch vertraute Küste. Die Gezeiten, die mich dort hintrieben, trugen den Namen meiner Frau, der (geduldigsten) Nichtraucherin (der Welt), sie trugen die Namen meiner duftenden Söhne. Als die zu uns stießen, rauchte ich schon wenig. Eine sekkante, kleine Angina kam dazu. Dann sah ich Land.

Nichtrauchen, God's Own Country!

Nichtrauchen, God's Own Country! Zuerst entdeckt man, dass dieser vielgefürchtete Raucher-Turkey ein Psychogespenst der hysterischen 70er-Jahre ist. In Wahrheit ist das alles nicht so arg. Gut, zwei, drei Tage lang ist man richtig fickrig. Doch nach einer Woche ist das flaue Gefühl im Bauch vorbei. Nach zwei Wochen kommen die Hände zur Ruhe. Und dann beginnen die Vorteile ordentlich zu fahren: Die Geschmackspapillen öffnen sich (und Mitte 30 wird die Fresserei dem Menschen bekanntlich wichtiger), die Fußerln bleiben schön warm unter der Tuchent, ein Winterhusten geht auch wieder weg, und in der Früh reicht ein Espresso statt deren drei. Sicherlich hat jeder Mensch andere Eindrücke beim Grenzübertritt. Das waren halt die meinen.

Kleine Gänge auf den Balkon fielen weg

Zuhause, wo ich schon kaum noch rauchte, änderte sich wenig. Die Auszeiten von Sofa und Arbeitstisch, diese kleinen Gänge auf den Balkon und zum offenen Küchenfenster, fielen weg. Ich war noch ausschließlicher bei meinen Leuten.

Gewisse Hütten (das liebe Chelsea, das treue Altwien ) hielt ich atmungstechnisch die Spur schlechter aus. Zudringlichkeiten von Arbeit und Straße erreichten mich, sagen wir: unverstellter. Aber auch das kriegt man hin: Anstelle der ledrigen Haut des Rauchers tritt die ledrige Psyche des Nichtrauchers.

Man sucht nach den Lücken

Irgendwann fällt es einem nicht mehr auf. So nach zwei, drei Monaten ist man richtig drin. Man lebt dieses Leben ohne Lungenlaster, man sucht nach den Lücken, die die alte Sucht hinterlassen hat, aber es werden immer weniger. Es sind, in fact, kaum noch welche da.

Übergangslos rauchte ich wieder

Und doch ist dann in meinem Fall immer wieder etwas passiert, das mich stutzen und merken ließ: Du wirst wieder eine Zeit lang Raucher sein müssen. Das vorletzte Mal ging es blitzschnell, es war in einem Studio, wo man die meiste Zeit ja mit Warten verbringt. Ich merkte, dass ich beim Warten lieber rauchend ins Narrenkastl starre als auf Red Bull in den Laptop. Ich fingerte mir eine Milde, die damals noch so heißen durfte, aus dem Schachterl des Tontechnikers. Übergangslos rauchte ich wieder, obschon weniger als beim vorvorletzten Mal.

Das letzte Mal geschah es angekündigter. Ich, der Nichtraucher, fühlte mich nach einem halben Jahr als solcher auf einmal zu einem Stehbuffet in Wien Mitte hingezogen, wo ein Sandler einem anderen Sandler eine Falk schenkte und gleich auch noch weltmännisch anzündete.

Flashback vom Stammtisch

Ich spürte, ich wollte mehr von diesem Geruch, wollte einen Hacker, wollte eine ganze Falk, hätte eine Sekunde lang den Preis einer Stange für diese einzige Falk bezahlt. Ich wischte das als komischen Flashback vom Stammtisch des Alltagsbewusstseins, aber dieser kleine, beinahe visionäre Moment hatte mich zugerichtet für die eigentliche Rückreise ins Imperium A: Drei Tage später beging mein Lieblingschefredakteur seinen Vierziger, und hintereinander boten mir drei Festgäste zu rauchen an.

Since I started, I can quit

Ich war der Sandler, da war die Falk. Ich öffnete alle Schleusen. Zugleich fühlte ich Land. Ich rauchte wieder, weniger als beim vorletzten Mal. Fünf bis zehn. Selten, nachts und draußen, werden es mehr. Since I started, I can quit. Oder so. Ich bin Raucher, ich bin Nichtraucher. Im Spätsommer '04 sieht mein Agent Bader die Aufnahme des Fotografen Urban. "Jetzt", sagt der Agent Bader, "schaust du dünner und freundlicher aus." "Weißt du", frage ich ihn, "wie lang?" (Ernst Molden, DER STANDARD Printausgabe 27/28.11.2004)

Zur Person

Ernst Molden, Jahrgang 1967, ist Autor und Songwriter. Mit dem Fotografen Nikolaus Similache veröffentlichte er den Wien-Essayband "Hinweise zum Umgang mit einer alten Seele" (Deuticke).

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