"Das Vermächtnis der Tempelritter": Der Schatz, der sich einst Freiheit nannte

26. März 2005, 22:10
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"Das Vermächtnis der Tempelritter" entwickelt sich vom simplen Hollywood-Mainstream zum intelligenten Parcours durch die Ursprünge der US-Demokratie

Wien - Der Hinweis ist zu absurd, als dass ihn das FBI ernst nehmen könnte: Eine Gruppe von Abenteurern plant, das Originaldokument der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung zu stehlen, weil sich auf der Rückseite ein unsichtbarer Code befindet, der zu einem Schatz führt, wie er größer ... Ja, ja, ja! Vielen Dank.

Wenden Sie sich an Hollywood, wenn Sie keine anderen Sorgen haben. Dort gehört diese Geschichte hin, und von dort kommt sie nun in die Kinos: Das Vermächtnis der Tempelritter von Jon Turteltaub ist eine Produktion von Jerry Bruckheimer, der gewöhnlich die lautesten und großspurigsten Actionfilme der Welt herstellen lässt.

Die "Declaration of Independence" ist aber ein dünnes Papier, auf dem man nicht herumtrampeln darf. Deswegen hat Bruckheimer einen leichten Film in Auftrag gegeben. Nicolas Cage spielt den Helden Benjamin Franklin Gates, der die fixe Idee mit der Schatzkarte hat. Auf einem Schiff in der Arktis findet er einen wichtigen Hinweis, dort überwirft er sich aber auch mit Ian Howe (Sean Bean), der ihm fortan als Konkurrent auf den Fersen sitzt. Ein früher Höhepunkt ist der Raub des Originaldokuments in Washington, eine echte Mission Impossible, die Gates aber mithilfe seines Adjutanten Riley Poole (Justin Bartha) locker und gewaltlos löst, während die Leute von Howe umsonst einen ganzen Keller in Schutt und Asche legen.

Zitronensaft und Föhn

Die schöne Blondine Abigail Chase (Diane Kruger) ist Expertin für amerikanische Altertümer. Sie heftet sich Gates auf die Fersen und gehört bald zu seinem Team. Gemeinsam tropfen sie Zitronensaft auf das unschätzbare Dokument, dann föhnen sie es, und schon sind die Geheimzahlen deutlich lesbar. Jetzt fehlt nur noch die entsprechende Wunderkammer.

Das Vermächtnis der Tempelritter heißt im Original National Treasure (Nationalschatz) - ein beziehungsreicher Titel, wie sich immer mehr herausstellt, denn es geht nicht einfach um die Suche nach alten Reichtümern oder neuen Währungsreserven, sondern eigentlich um ein viel wertvolleres nationales Besitztum: um die amerikanische Demokratie selbst, wie sie von fähigen Männern vor einigen hundert Jahren den Engländern abgerungen wurde.

Die Idee von einem Schatz ist das Innerste all der Freiheitsurkunden, die einander ergänzen und kommentieren, die jeweils noch einen Hinweis enthalten, der an den nächsten legendären Ort aus der Erringung der Unabhängigkeit führt. Dort wirft dann ein Kirchturm zu einer bestimmten Stunde einen Schatten, wobei die Sommerzeit eingerechnet werden muss, die wiederum Benjamin Franklin erfunden hat - es ist ein endloses Verweisen auf die genialen Ursprünge der Vereinigten Staaten von Amerika.
Und es geht ohne falsches Pathos. Jon Turteltaub hat besondere Drehgenehmigungen in Washington erhalten, und trotzdem wirkt das Unternehmen nicht touristisch, auch nicht nationalistisch, sondern so universalistisch, wie es ursprünglich gedacht war und wie Hollywood heute in seinen besten Momenten ist.

Ältere Herren

Selten war Nicolas Cage so gut besetzt wie in der Rolle des Benjamin Franklin Gates, der nicht gerade ein Intellektueller, aber eben ein heller Kopf ist. Jon Voight und Harvey Keitel sind die älteren Herren im Hintergrund. Alle zusammen, auch Sean Beans Schurke, befinden sich in einem Abenteuerfilm, der auch eine Bildungsreise ist. Der Parcours führt von Washington nach New York, dort natürlich an die Wall Street - ob es einen richtigen Schatz gibt oder nur eine nationale Mythologie, spielt da schon keine entscheidende Rolle mehr, wird aber zu aller Zufriedenheit gelöst. (DER STANDARD, Printausgabe, 27./28.11.2004)

  •   	   Suche nach der Wunderkammer namens Demokratie
    foto: buena vista

    Suche nach der Wunderkammer namens Demokratie

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