"Palestinian Media Watch": "Kinder werden umfassend zu Hass erzogen"

    23. November 2004, 08:48
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    Itamar Marcus, Direktor von "Palestinian Media Watch", analysiert im derStandard.at- Interview die "Propaganda" der Palästinensischen Autonomiebehörde

    Wien – "Was ist besser, Friede und volle Rechte für das palästinensische Volk, oder Shahada"? Im derStandard.at-Interview spricht Itamar Marcus, der Direktor von "Palestinian Media Watch" (PMW) über "Propaganda der Palästinensischen Autonomiebehörde, die Kinder und Jugendliche" indoktriniere, den "wahren Sinn des Lebens", den Tod als Märtyrer zu suchen. Bei den Verhandlungen zwischen Israel und der Palästinensischen Autonomiebehörde deckte er das Thema "Hetze" ab. Der Krieg gegen Israel, die sogenannte "Intifada" wurde nicht aus Hass auf Israel gestartet, sondern um den Hass auf Israel propagieren zu können, um so von Korruption und mangelndem Zuspruch unter der eigenen Bevölkerung abzulenken, meint der Medienforscher.

    * * *

    derStandard.at: Was ist das Tätigkeitsfeld von "Palestinian Media Watch"?

    Marcus: "Palestinian Media Watch" wertet seit rund 8 Jahren palästinensische Zeitungen, Fernsehen, Videofilme und Schulbücher aus. Unser Ziel ist es, ein umfassendes Bild der palästinensischen Gesellschaft zu gewinnen. Wir wussten, was die Palästinenser gegenüber internationalen Medienvertretern auf Englisch sagten, aber wir wollten wissen, was die Palästinenser auf Arabisch in ihren Medien berichteten. Speziell interessierte uns, welche Inhalte Kinder und Jugendliche konsumieren. Die Inhalte, die diese Kinder jetzt erlernen, prägen die Ansichten, die die nächste Generation auch in bezug auf Israel haben wird. Was steht also in Schulbüchern, wie sieht das offizielle Kinder- und Jugendprogramm des Fernsehens der Palästinensischen Autonomiebehörde aus, welche Videoclips laufen und was wird mit diesen propagiert? Wir lesen nicht nur "Politisches" sondern auch Sportberichterstattung, Dichtung, Filmrezensionen bis hin zu Kreuzworträtseln, um so das Verhältnis der Palästinensischen Gesellschaft zu Israel und den Juden einschätzen zu können.

    derStandard.at: Sie sagen, der Focus Ihrer Beobachtungen liegt auf der Indoktrination von Kindern. Wie funktioniert diese?

    Marcus: Kinder werden umfassend zu Hass erzogen. In offiziellen Schulbüchern in den palästinensischen Autonomiegebieten wurde nach internationalen Protesten der Aufruf zur Vernichtung des Staates Israels gelöscht, auf den Landkarten kommt Israel aber noch immer nicht vor. Es ist also nicht verwunderlich, wenn palästinensische Kinder davon sprechen, dass Städte wie Haifa oder Tel Aviv ihre Heimat wären, die es zu befreien gilt. In den Büchern für den Sprachunterricht sind Gedichte abgedruckt, die den Märtyrertod von Kindern verherrlichen. Ein vom Erziehungsministerium ausgerichtetes Fußballturnier für Vierzehnjährige wurde unter dem Namen des Selbstmordattentäters, der 2002 in Netanja mehr als dreißig Israelis tötete, ausgetragen und jedes der teilnehmenden Teams nach einem Attentäter benannt. Ein von der UNESCO gesponsertes Sommercamp für Mädchen trug den Namen der ersten weiblichen Selbstmordattentäterin, Wafa Idris. Und das offizielle Fernsehen der Palästinensischen Autonomiebehörde strahlt täglich Propagandaclips aus, die Kinder zum Tod als Märtyrer auffordert.

    derStandard.at: Wie nehmen palästinensische Kinder und Jugendliche diese Botschaften an?

    Marcus: Wenn Kinder und Jugendliche interviewt werden, äußern sie offen den Wunsch, als Shahid (Märtyrer) zu sterben. Beispielsweise antwortete ein 11-jähriges palästinensisches Mädchen, Walla, in einem Interview, das am 9. Juni 2002 im Fernsehen der Palästinensischen Autonomiebehörde ausgestrahlt wurde, auf die Frage, was denn besser wäre, "Friede und volle Rechte für das palästinensische Volk oder Schahada (Anm.: den Tod für Allah zu suchen)?" sie werde ihre vollen Rechte erhalten, sobald ihre Mission des Märtyrertods erfüllt sei. In Israel gab es bereits Selbstmordkommandos von Dreizehn- und Vierzehnjährigen. In ihren Abschiedsbriefen verwendeten sie Formulierungen, die den Texten, die zuvor im offiziellen palästinensischen Fernsehen ausgestrahlt wurden, entsprachen. In einem dieser Spots hieß es: "Suche den Tod und dir wird das Leben gegeben werden."

    derStandard.at: Wie hoch ist die Zustimmung zu Selbstmordanschlägen und Terror?

    Marcus: Den offiziellen palästinensischen Umfragen zufolge würden 79 Prozent der palästinensischen Bevölkerung Selbstmordkommandos nicht als Terrorismus einstufen, 71 Prozent finden es gut, wenn Fußballturniere beispielsweise unter dem Namen von Märtyrern abgehalten werden. Die Indoktrinationsbemühungen der Palästinensischen Autonomiebehörde zeigen auch bei Kinder und Jugendlichen großen Erfolg. Öffentlichen Umfragen zufolge streben 72 bis 80 Prozent der Kinder und Jugendlichen den Tod als Shahid an.

    derStandard.at: War die Zustimmung zu Terror und Gewalt immer so hoch?

    Marcus: Bis in das Jahr 2000, knapp vor Beginn des neuerlichen Kriegs, war Israel bei den Palästinensern populärer als die eigene Regierung. Es gab nach dem Oslo-Prozess regelmäßige Umfragen unter den Palästinensern, welche Länder für sie führend seien bei den Themen "Demokratie und Menschenrechte". 1996 lag Israel mit 79 Prozent an erster Stelle, 1999 waren es noch 75 Prozent. Die Werte von Arafats Autonomiebehörde fielen von 50 Prozent im Jahr 1996 auf nur 22 Prozent im Jahr 2000. Aus meiner Sicht liegt hier auch der Schlüssel für den Ausbruch der sogenannten "Al-Aksa-Intifada".

    derStandard.at: Die Palästinensische Autonomiebehörde startete also die neue Gewaltwelle, um von den eigenen Problemen, wie mangelnder Zuspruch unter der Bevölkerung und Korruption abzulenken?

    Marcus: Ja. Eine Regierung, die dermaßen unpopulär ist und nichts an den eigenen Strukturen ändern will, schafft einen äußeren Feind. Und genau das hat die Palästinensische Autonomiebehörde gemacht. Die Hasspropaganda nahm immer größere Ausmaße an, bis zu aktiven Aufrufen im Jahr 2000 Gewalt gegen Israel und die Juden anzuwenden. In diesem Jahr, als Barak mit Arafat verhandelte und die ganze Welt an einen erfolgreichen Friedensprozess glaubte, hörten wir im palästinensischen TV genau die gegenteiligen Botschaften. Es liefen Aufrufe, möglichst viele Juden zu töten. In unserem Bericht, der zwei Wochen vor Ausbruch der neuerlichen Gewaltwelle veröffentlicht wurde, haben wir davor gewarnt, dass die Atmosphäre in den Palästinensergebieten der des Vorabends eines Krieges gleicht.

    derStandard.at: Gibt es in der palästinensischen Gesellschaft keine Gruppen, die nicht von Hasspropaganda und Antisemitismus infiziert sind?

    Marcus: Im Moment gibt es ganz wenige. Das war einer der Erfolge, die Arafat durch diesen Krieg erzielen konnte: den Hass auf Israel und die Juden zu schüren. Beim Kampf gegen Terroristen wurden unglücklicherweise auch Zivilisten getötet, das war es, was Arafat und seine Führungsriege wollten. Und nun ist es auch so: die meisten Palästinenser hassen Israel wegen dieses Krieges.

    derStandard.at: Wird sich jetzt nach Arafats Tod grundlegendes im Umgang von Seiten der Palästinensischen Autonomiebehörde mit Israel ändern?

    Marcus: Wer glaubt, dass ohne Arafat sich sofort Grundlegendes ändern wird, hat die Tiefe des Problems nicht erkannt. Es war ein Fehler, so zu tun, als wäre er das alleinige Problem. "Palestinian Media Watch" hat die israelische Regierung deswegen auch immer kritisiert. Möglicherweise sinkt kurzfristig die Anzahl der Anschläge. Aber die jahrelange Erziehung zum Hass ist nicht spurlos an den Menschen vorübergegangen. Dem palästinensischen Volk, allen voran den palästinensischen Kindern, wird niemals mitgeteilt, das Ziel des Konfliktes sei ein palästinensischer Staat im Gazastreifen und im Westjordanland. Sie werden auf einen Krieg, dessen Ziel die Vernichtung Israels ist, eingeschworen. Jedes Kind in den Autonomiegebieten ist mit diesem Bewusstsein aufgewachsen. Wenn nur ein Prozent der heutigen Kinder die Erziehung zum Judenmord in die Tat umsetzt, stehen wir vor einem Desaster.

    derStandard.at: Könnten nach Arafat radikale Kräfte zu mehr Macht gelangen?

    Marcus: Die Ideologie aller gesellschaftlich relevanten Gruppen ist die gleiche, was das Existenzrecht Israels betrifft. Das war immer ein Problem in der Medienberichterstattung. Arafat galt als der Gemäßigte, der "Diplomat", dem die Terroristen der Hamas gegenübergestellt wurde. In den Schulbüchern, die Arafat zu verantworten hat, existiert Israel nicht, Kinder-Shahids wurden von Arafat vor zwei Jahren im Fernsehen der Palästinensischen Autonomiebehörde als größte Botschaft an die Welt verherrlicht und Märtyrer wurden auch von der Autonomiebehörde bejubelt. Wer auch immer an die Macht kommt, es wird keine ernsthafte Veränderung in der Ideologie geben, weder Hamas noch PLO erkennen das Existenzrecht Israels an.

    derStandard.at: Wer könnte diese Hass-Propaganda stoppen?

    Marcus: Die EU und viele europäische Länder geben Geld an palästinensische Autoritäten. Der Großteil der palästinensischen Medien wird mit EU-Geld finanziert. Wenn Europa die Palästinenser ultimativ zwingt, die Hasspropaganda einzustellen, sehe ich eine Chance. Sonst nicht.

    • Von Michaela Sivich Link"Palestinian Media Watch"Dokumentation"Suche den Tod"25-minütige Videodokumentation, über die Indoktrinierung palästinensischer Kinder - auf DeutschAusführliche Zusammenfassung auf Deutsch7-minütige Kurzfassung des Berichts auf Englisch
      derstandard
    • Itamar Marcus  und seine MitarbeiterInnen analysieren seit acht Jahren Massenmedien und Schulbücher in den palästinensischen Autonomiegebieten. „Palestinian Media Watch“ ist regierungsunabhängig und wird über Spenden finanziert.
      palestinian media watch

      Itamar Marcus und seine MitarbeiterInnen analysieren seit acht Jahren Massenmedien und Schulbücher in den palästinensischen Autonomiegebieten. „Palestinian Media Watch“ ist regierungsunabhängig und wird über Spenden finanziert.

    • Das Fernsehen der Palästinensischen Autonomiebehörde zeigte am 1. Juli 2002 sechs- bis neunjährige Kinder beim "Shahid-Spiel". Gewinner ist derjenige, der am schnellsten für Allah stirbt.
      palestinian media watch

      Das Fernsehen der Palästinensischen Autonomiebehörde zeigte am 1. Juli 2002 sechs- bis neunjährige Kinder beim "Shahid-Spiel". Gewinner ist derjenige, der am schnellsten für Allah stirbt.

    • Arafats Fatah organisierte einen "Jubelzug" junger Mädchen zu Ehren der ersten weiblichen Selbstmordattentäterin. Auf den Postern ist zu lesen: "Die Fatah preist mit großem Stolz seine Shahida (Selbstmord­attentäterin) Wafa Idris. Bild und Text erschienen am 1. Februar 2002 in der Al-Ayyam.
      palestinian media watch

      Arafats Fatah organisierte einen "Jubelzug" junger Mädchen zu Ehren der ersten weiblichen Selbstmordattentäterin. Auf den Postern ist zu lesen: "Die Fatah preist mit großem Stolz seine Shahida (Selbstmord­attentäterin) Wafa Idris. Bild und Text erschienen am 1. Februar 2002 in der Al-Ayyam.

    • Antisemitische Cartoons sind in den palästinensischen Medien keine Seltenheit. Dieser erschien am 22 März 2004 in Al-Hayat Al-Jadida und zeigt den israelischen Ministerpräsidenten Ariel Sharon, wie er palästinensische Kinder aufisst.

Weitere Dokumentationen können auf "Palestinian Media Watch" nachgelesen werden.
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      Antisemitische Cartoons sind in den palästinensischen Medien keine Seltenheit. Dieser erschien am 22 März 2004 in Al-Hayat Al-Jadida und zeigt den israelischen Ministerpräsidenten Ariel Sharon, wie er palästinensische Kinder aufisst.

      Weitere Dokumentationen können auf "Palestinian Media Watch" nachgelesen werden.

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