Wirtschaftsskandale: Vieles noch im Argen

24. Mai 2005, 19:47
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Die Skandale um Enron & Co. spielten im Wahlkampf keine Rolle - Watchdog-Gruppen kritisieren den mangelnden Wettbewerb bei Rüstungsaufträgen

Ende 2001 kreierte Enron den bis dahin größten Bankrott in der US-Firmengeschichte. Der Zusammenbruch des texanischen Energiehändlers brachte eine ganze Reihe anderer Wirtschaftsskandale zutage. Von der Telekomgesellschaft Worldcom bis hin zum Mischkonzern Tyco International: Immer wieder flog ein Unternehmen auf, das mit seinen Bilanzen getrickst hatte.

Präsident Bush reagierte zügig. Er hob die Gefängnisstrafen für Wirtschaftskriminelle drastisch an, und Firmenlenker bürgen nun persönlich für die Richtigkeit ihrer Bilanzen.

Über 900 Wirtschaftskriminelle vor Gericht

Mehr als 900 Wirtschaftskriminelle wurden seither vor Gericht gebracht, 500 davon sind bereits verurteilt. Auch Martha Steward, die mit Zeitschriften und Fernsehshows rund um Haus, Garten und Haushaltsartikeln ein Imperium aufbaute, ist jetzt hinter Gittern.

"Amerikas Vorzeigehausfrau" muss fünf Monate wegen Insiderhandels und Justizbehinderung absitzen. Als sie vor Kurzem ihre Haftstrafe antrat, waren vor den Gefängnistoren Dutzende Fernsehkameras aufgebaut. Ein seltener Moment, denn das Thema Wirtschaftsskandale ist eher aus den Schlagzeilen geraten. Dass immer noch vieles im Argen liegt, liest man nur in der Fachpresse.

"Kreuzritter der Wall Street"

Preisabsprachen, Wucherverträge, Schmiergelder: Vieles wäre ohne den New Yorker Staatsanwalt Eliot Spitzer nie ans Licht gekommen. Der "Kreuzritter der Wall Street" hat dafür gesorgt, dass der New Yorker Börsenchef Richard Grasso wegen des hohen Gehaltes, das er sich von einem selbst ernannten Aufsichtsrat zusichern ließ, zurücktreten musste.

Er erhielt milliardenhohe Ausgleichszahlungen von den zehn größten US-Investmentbanken und zwang sie, ihre Analyse- und Investmentabteilungen zu trennen. Er deckte dubiose Handelspraktiken führender Investmentfonds auf. Vor nicht einmal einem Monat erhob Spitzer Klage gegen Marsh & McLennan.

Der größte US-Versicherungsmakler hatte von Versicherungen überhöhte Kommissionen kassiert und ihnen dafür Geschäfte zugeschanzt. 800 Mio. Dollar wurden so erschwindelt. Marsh-Chef Jeffrey Greenberg ist inzwischen zurückgetreten. Die Aktie ist um 40 Prozent eingebrochen, vergangene Woche bekamen 3000 Mitarbeiter die Kündigung.

Bush und Cheney geben sich bedeckt

Was Bush II tun will: Er hat die Skandale im Wahlkampf mit keinem Wort mehr erwähnt. Auch Dick Cheney hält sich bedeckt: Der US-Vizepräsident besitzt immer noch 433.000 Aktienoptionen an seinem Exarbeitgeber Halliburton. Der texanische Öl- und Armeedienstleister steht seit Langem im Verdacht der Korruption und Vetternwirtschaft, hat aber seit dem Machtwechsel 2001 auffallend viele Regierungsaufträge an Land gezogen.

Das Center for Public Integrity, eine unabhängige "Watchdog-Gruppe", hat sich Vergaben von Rüstungsaufträgen angesehen. Ergebnis: Nur 40 Prozent aller Verträge kämen in "offenem Wettbewerb" zustande. Der Rest werde den Begünstigten "außerhalb des Auktionsverfahren" zugeschachert. (DER STANDARD Printausgabe, 15.11.2004)

Beatrice Uerlings, New York
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