Mittelmäßige Produkte, schlechtes Image

24. Mai 2005, 19:47
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Mangelhafte Qualität von US-Produkten führt zu einem beständigen Verlust an Weltmarkt­anteilen. 600 Milliarden Dollar beträgt heuer der Überschuss der Importe - Teil 3 der Serie

Die bis dahin "French Fries" genannten Fritten hießen plötzlich "Freedom Fries" und beste französische Weine wurden zu Ladenhütern: Der inoffizielle Boykott der US-Konsumenten gegen europäische Produkte mag während des Irakkrieges noch so viele Schlagzeilen gebracht haben. Maßgebend für die Importe im Allgemeinen war er nie.

Im Gegenteil. Die Vereinigten Staaten importieren weitaus mehr Waren und Dienstleistungen, als sie selber im Ausland verkaufen. Im August lagen die Einfuhren 54 Milliarden US-Dollar (42 Mrd. Euro) unter den Ausfuhren. Auf das Jahr hochgerechnet liegt der Fehlbetrag bei 600 Milliarden. Die Vereinigten Staaten sind längst nicht mehr das gelobte Land der Wettbewerbsfähigkeit. Die Wirtschaft verliert beständig an Marktanteilen. Inzwischen betragen die US-Ausfuhren lediglich noch 54 Prozent an den weltweiten Exporten (ohne EU-Binnenhandel), was einem Nachkriegstief gleichkommt.

Absatzrückgänge in Europa

Besonders die Europäer kaufen immer weniger US-Marken: Nach Disney, Wal Mart und GAP, registrieren jetzt auch Coca-Cola, McDonald's und Marlboro Absatzrückgänge. Antiamerikanische Ressentiments spielen dabei offenbar nur eine geringe Rolle: Laut einer Studie der Financial Times entscheiden die europäischen Konsumenten vor allem nach der Qualität der Produkte sowie nach der sozialen Verantwortung, die sie mit den Herstellern verbinden.

Die Asiaten sorgen ihrerseits dafür, dass der amerikanische Markt mit Importen überschwemmt wird: Japan liefert billige Autos, China noch günstigere Textilien. Schätzungen zufolge werden bis 2005 drei Viertel aller in den USA verkauften Hosen, T-Shirts und Kleider "made in China" sein. Die Tendenz ist nicht neu - das US-Handelsbilanzdefizit explodiert schon seit Anfang der Achtzigerjahre.

Neu ist aber, dass der hohe Passivsaldo den Experten jetzt erheblich mehr Sorgen bereitet. Denn da weder die öffentliche Hand noch die privaten Haushalte sparen, muss die amerikanische Volkswirtschaft zum Ausgleich noch zusätzlich Kapital aus dem Ausland anziehen: jeden Tag zwei Milliarden Dollar.

Dollar unter Druck

Auf Dauer ist diese Abhängigkeit nicht aufrechtzuerhalten, weil die Investoren Schulden abbezahlen, anstatt in die amerikanische Wirtschaft zu investieren. Das so genannte "Zwillingsdefizit" drückt auch auf die heimischen Devisen. Der Dollar hat gegenüber den wichtigsten Weltwährungen in den vergangenen zwei Jahren 14 Prozent an Wert verloren, gegenüber dem Euro sind es sogar 30 Prozent. Je tiefer der Dollar absackt, desto unattraktiver wird die Wall Street für ausländische Anleger. Der Internationale Währungsfonds (IWF) hat die Kombination aus gigantischem Handels- und Haushaltsloch zu einem der größten Risiken für die US-Konjunktur erklärt.

Was die Regierung Bush II tun will: Im Wahlkampf vor vier Jahren präsentierte sich George W. Bush als klarer Advokat des Freihandels. Nach Amtsantritt führte er allerdings die umstrittenen Stahlzölle ein und überschüttete die amerikanischen Bauern mit Subventionen. Diese Inkonsistenz dürfte auch seine zweite Amtszeit prägen. Grundsätzlichere Erkenntnisse über die weitere Handelspolitik der USA ergeben sich 2005, wenn es in die entscheidenden Verhandlungsrunden zum Abschluss der aktuellen Welthandelsrunde geht.

Bilaterale Verträge bevorzugt

Bush misstraut multilateralen Institutionen. Daher dürfte er auch weiter vorrangig auf bilaterale Freihandelsverträge setzen, um den Weltmarkt für US-Produkte zu öffnen. Zwölf Abkommen dieser Art hat er bereits in seiner ersten Amtszeit abgeschlossen, weitere zehn sind derzeit in Vorbereitung. (Beatrice Uerlings aus New York, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 10.11.2004)

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    Der US-Präsident misstraut multilateralen Institutionen, deshalb dürfte er auch weiter vorrangig auf bilaterale Freihandelsverträge setzen, um den Weltmarkt für US-Produkte zu öffnen.

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