Mit Lenkerheizung ins Vergnügen

23. Mai 2005, 14:32
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Mit dem Motor- und dem Hundeschlitten durch den lichten Fichtenwald, dann in die Rauchsauna - oder zur Bügelmeisterschaft

Seit zehn Minuten steht Jari nur da und schaut. Und wir, die er anführt, schauen mit. Richtung Norden zum nahen Polarkreis, über die Ausläufer der sibirischen Taiga, über lichten Fichtenwald, der meterhoch im Schnee steckt. Ergriffen sehen wir immer wieder in alle Richtungen, da ist sie also, die unberührte Natur. Das ist Lappland. So weit, so klar, still.

Plötzlich: Tätarätatä! Aus Jaris Thermojackentasche meldet sich die Zivilisation zurück, polyfon selbstverständlich. Jari fingert sein Nokia heraus, die Gruppe ist baff: Handyempfang? Hier? In der finnischen Wildnis? "Die Antennen sind in Baumwipfeln versteckt", verrät Jari. Auch das ist Lappland.

700 Kilometer nördlich von Helsinki erstrecken sich die letzten bewaldeten Wildmarken Europas, das Städtchen Kuusamo ist eine der letzten Stationen vor den baumlosen Fjälls. Wer das Paradies für Wintersport sucht, ist hier beim Oulanka Nationalpark am Ziel.

Von Kuusamo geht es auch direkt mit dem Motorschlitten los. Ein "Schneemotorrad" pro Haushalt ist das Minimum. Womit in diesen Breiten viele Finnen zur Arbeit fahren, macht auch Touristen großen Spaß. Zaghaft vorerst, denn die 150 km/h auf der Tachoskala gebieten Respekt. Aber lange Gerade gibt es zumindest auf den abgesteckten Urlauberrouten ohnehin nicht, dafür sind die 50 PS der raupenbetriebenen Motorschlitten recht nützlich, um steile Anstiege zu bewältigen.

Der kleine Gashebel wird mit dem rechten Daumen bedient, gegen klamme Finger (trotz Handschuh) hilft die Lenkerheizung. Die stinkt aber auch gewaltig, denn die hohle Lenkstange wird einfach mit einem abgezweigten Teil der Abgase erwärmt.

Umweltfreundlicher, leiser und außerdem abenteuerlicher sind Hundeschlitten. Rund um Kuusamo bieten einige Huskyfarmen Ausfahrten an. Die sibirischen Huskys zerren wie wild, wollen am liebsten sofort loslaufen, wenn sie angeschirrt sind. Sein ganzes Leben hat Wolf mit Huskys verbracht, aber warum Lämäri, Raju, Lynx und die anderen Tiere so versessen aufs Rennen sind, weiß der erfahrene Musher und Hundezüchter bis heute nicht. "Es macht ihnen einfach Spaß", meint Wolf.

Sechs Hunde ziehen locker zwei erwachsene Menschen. Ein Passagier darf im Schlitten sitzen, der andere hinten auf den Kufen stehen, in Kurven das Gewicht mitverlagern und bergauf den Schlitten anschieben. Bei jeder Steigung drehen die Hunde während des Laufens ihre Köpfe nach hinten, so als ob sie mit langen Zungen hechelnd forderten: Steig schon ab, hilf mit!

Bei so viel Outdoor haben die Samen natürlich auch den Indoor-Bereich hoch entwickelt. Zuerst einmal ab in die Rauchsauna, in der es nicht darum geht, möglichst hohe Temperaturen zu ertragen, sondern sich möglichst lang der wärmenden Entspannung hinzugeben. Und nach einem Eisbad ist auch der Ruß vom Hintern wieder verschwunden.

Bei all den Verrücktheiten, die den Finnen in den langen Wintermonaten einfallen, wie zum Beispiel Luftgitarrenwettbewerbe oder Bügelmeisterschaften, ist nach wie vor auch das traditionelle Dinnerdancing angesagt. Foxtrottkönige, die Angst haben, auf dem Parkett eine schlechte Figur zu machen, weil die Band als Nächstes ein Stück spielen könnte, zu dem ihnen partout kein Tanzschritt einfällt, können beruhigt sein: Finnische Bands spielen immer drei gleiche Tänze hintereinander. Wer sich mit dem Wiegeschritt nicht so gut auskennt, sollte aber auf jeden Fall zuerst einmal zusehen, denn Finnland ist nach Argentinien die zweitgrößte Tangonation der Welt. (Der Standard/rondo/5/11/2004)

Michael Simoner war in Lappland dabei

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ruka.fi/kv
  • Eines der beliebtesten Fortbewegungsmittel

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