Aufstand der Unterdrückten

26. März 2005, 22:33
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Das Österreichische Filmmuseum würdigt das bunt rebellische Werk des senegalesischen Regisseurs Ousmane Sembène

Der senegalesische Regisseur Ousmane Sembène beschäftigt sich in seinen Filmen mit den Nachwirkungen des Kolonialismus und Möglichkeiten der Selbstbestimmung. Das Österreichische Filmmuseum zeigt eine Retrospektive seines Gesamtwerks.


Wien – Büsten, die bisherigen Devotionalien der Macht, werden demonstrativ entrümpelt, achtlos stellt man sie vor dem Regierungsgebäude ab. Die Kolonialherren räumen ihre Sitze und überlassen den angestammten Politikern, den Verkündern eines "afrikanischen Sozialismus", den Platz. Dann kehren sie zurück und übergeben ihren Nachfolgern jeweils einen Koffer mit Geld. Die alten Abhängigkeiten sind damit wiederhergestellt, die Ordnung der Despoten wurde bloß an die Erfordernisse der neuen Zeit angepasst.

Solch allegorische Bilder, in denen die Geschichte der Inbesitznahme und Ausbeutung seines Landes verdichtet wird, findet man im Kino des senegalesischen Regisseurs Ousmane Sembène öfters. In Xala (1975), seinem ersten großen internationalen Erfolg, markiert es den Beginn der Fallgeschichte eines Geschäftsmanns. El Hadji (Thierno Leye) investiert das Geld im Koffer, aber vornehmlich ins Private: Eine dritte Frau leistet er sich, eine aufwändige Hochzeit soll es sein. Doch dann ereilt ihn ein Fluch – der titelgebende Xala –, und er wird plötzlich impotent.

In Xala kombiniert Sembène diverse Topoi zu einer grimmigen Parabel um die postkoloniale Befindlichkeit Senegals. Der Fluch ist hier zumindest doppelt wirksam: Er manifestiert sich im Habitus einer neuen Elite, die jenen ihrer kolonialen Vorgänger nachahmt und zu keiner eigenen Subjektivität gelangt; das Politische spiegelt sich aber auch im Psychosexuellen wider, im Versagen der Männlichkeit, die ihren Machtanspruch vor allem religiös legitimiert.

El Hadji sucht mehrere Wunderheiler auf, ohne die Bedingungen seines Zustands zu hinterfragen. Er sucht Kreditgeber auf, ohne zu erkennen, dass er sich damit nur noch mehr in Abhängigkeiten begibt. Weil er Symptome bekämpft, steht er am Ende, in einer drastischen Umkehrung der sozialen Verhältnisse, selbst als der Erniedrigte da.

Bewusstseinsbildung

Sembènes Mise-en-scène ist auf die Menschen ausgerichtet, die Einstellungen sind meist unbewegt und seine Erzählungen, bei aller thematischen Fülle, sehr anschaulich, pädagogisch im Sinne einer Vermittlung von politischem Bewusstsein: Zunächst schriftstellerisch tätig, wechselt Sembéne in den 60er-Jahren auch deshalb zum Kino, weil er sich damit die größere Breitenwirksamkeit erhofft. Das lässt ihn zum Pionier einer Kinematografie südlich der Sahara werden: Mit La Noire de ...(1966) dreht er den ersten schwarzafrikanischen Spielfilm, mit Mandabi (1968) die erste Arbeit in seiner Heimatsprache Wolof.

Der Sprache kommt bei Sembène insgesamt eine bedeutende Rolle zu. Nicht nur wird die Frage, ob Französisch gesprochen werden soll, ständig zur politischen erhoben; im Dialog, der Fähigkeit zum Fabulieren – ein Rekurs Sembènes auf die orale Erzählkultur der Griots – eröffnen sich in seinen Filmen mögliche deterritoriale Linien: Hier wird das Unerträgliche als Wort greifbar, durchaus auch in komischer Weise.

Die eindeutig stärkere Rolle kommt den Frauenfiguren zu, die Sembène in seinen neueren Filmen in den Mittelpunkt rückt. Faat Kiné (2000) verhandelt anhand dreier Generationen unterschiedliche weibliche Selbstentwürfe: Die Titelheldin (Venus Feye) ist eine energische Tankstellenbesitzerin, die sich im Lauf des Films an unterschiedlichen Fronten durchzusetzen weiß, während man in Rückblenden von den Zurichtungen der Vergangenheit erfährt.

Faat Kiné zog ihre beiden Kinder ohne die jeweiligen Väter auf – wie das schon ihre Mutter tat. An der Frage des weiteren Bildungswegs der jüngsten Generation verhandelt Sembène den nächsten Schritt in die Selbstbestimmung, ohne die Väter zuzuziehen. Der Respekt, den das traditionelle Familienkonzept für sie vorsah, ist in Faat Kiné verbraucht, weil sie sich im Leben um diesen nicht verdient gemacht haben.

In Moolaadé, mit dem Sembène dieses Jahr in Cannes erfolgreich war, baut er das Prinzip weiblicher Solidarität zum Modell eines Aufstands gegen das Patriarchat aus. Sechs Mädchen, denen die rituelle Beschneidung droht, suchen bei einer Frau Zuflucht, die ihre Tochter vor dieser Maßnahme bewahren konnte. Sie schützt sie mit einem Bann, dem Moolaadé, worauf sich ein Kampf zwischen den Geschlechtern entspinnt.

Schauplatz des Films ist ein kleines Dorf, dieser weist – wie auch die stark typisierten Charaktere – jedoch über seine engen Grenzen hinaus: Wenn Sembène zuletzt etwa zeigt, wie eine tobende Männerschar Radios verbrennen lässt, weil sie ihre Kultur durch diese bedroht sieht, dann drückt er mit diesem allegorischen Bild auch vergleichbare Praktiken anderer globaler Konflikte aus.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 4.11.2004)

Von
Dominik Kamalzadeh

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Filmmuseum.at

Bis 11.11.

  • Heiterkeit im Aufstand: "Faat Kiné"
    foto: filmmuseum

    Heiterkeit im Aufstand: "Faat Kiné"

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