Wahl der Werte

12. Jänner 2005, 13:48
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Wenn am 2. November die USA wählt, geht es um viel mehr als die Entscheidung zwischen Republikanern und Demokraten - Kolumne von Antonella Mei-Pochtler

Noch nie war das weltweite Interesse und das persönliche Engagement der Amerikaner so groß. Wenn am 2. November die USA wählt, geht es um viel mehr als die Entscheidung zwischen Republikanern und Demokraten, dem elegant-kühlen Kerry und dem "neugeborenen Christen" Bush: Es geht um einen Glaubenskrieg der Werte, dem ein großer Einfluss auf die Weltgeschicke zugeschrieben wird: Bleibt es beim "harten Kurs" des amtierenden Präsidenten oder kehren die USA zurück zu einer, als "weich" verspotteten, kooperativen Haltung innerhalb der Staatengemeinschaft? Der Ausgang der Wahl wird mit darüber entscheiden, welche Werte das wirtschaftliche wie weltpolitische Klima bestimmen werden.

Nicht nur in der Politik, auch in der Wirtschaft ist "Hardball" derzeit die Devise. Mit Verweis auf den harten Wettbewerb werden Maßnahmen aggressiv durchgedrückt und Konflikte ausgefochten: Streiks bei Opel und VW, bei AUA und Bahn, verhärtete Fronten bei der Bank Austria, und harsche Töne auf allen Seiten - die Mitbestimmung gehöre als "Irrtum der Geschichte" abgeschafft, das konstruktive Miteinander, in Österreich als Sozialpartnerschaft erfolgreich, wird als "Konsenssoße" diffamiert, die Entscheidungen erschwert. Wahr ist: Gerade in der heutigen, politisch wie wirtschaftlich hoch vernetzten Welt leitet sich Stärke nicht mehr aus Härte ab, sondern von der situativ richtigen Wahl der besten Mittel - in Henry Fords Worten: "Erfolg besteht darin, dass man genau die Fähigkeiten hat, die im Moment gefragt sind."

1. "Hart" ist - immer seltener - stark: Für Rituale, Blockaden und endlose Debatten ist in einer Welt, die schnelle, effektive Entscheidungen erfordert, tatsächlich kein Platz mehr. Das gilt für den Kampf gegen Terror ebenso wie für die von Kostendruck und Absatzkrisen geplagte Wirtschaft. Hart muss man beim Einfordern von Transparenz und Leistung und bei der Analyse der Situation sein - nicht aber bei der Umsetzung von Lösungen. "Harte Manager" wie Jack Welch beweisen: Die Kraft muss in den gemeinsamen Kampf um zufriedene Kunden und höhere Marktanteile fließen - nicht in die Bewältigung interner Widerstände.

2. "Soft" ist - immer öfter - stark: Wer gewinnen will, muss bereit sein, mit aller Kraft bis zum Äußersten zu kämpfen - und mit ganzem Herzen. "Den Kopf herausfordern und die Herzen gewinnen", so die Managementdevise der Carly Fiorina. Es genügt nicht, "harte" Entscheidungen zu treffen - sie müssen auch akzeptiert und von anderen umgesetzt werden. Was wiederum "soft skills" - Zuhören, andere anerkennen, Überzeugen - erfordert.

3. Komplexität braucht Vernetzung - und Vernetzung Kooperation: Ob Terrorbekämpfung, Rentenfalle oder Bildungsmisere: komplexe Probleme sind ohne eine Mischung aus Druck und Unterstützung nicht zu lösen. So auch die wettbewerbsfähige Herstellung von komplexen Produkten: hochvernetzte globale Liefer- und Wertschöpfungsketten ersetzen das monolithische "Einzelkämpfer"-Unternehmen. Konkurrenten von gestern sind wertvolle Kooperationspartner von morgen. Starke Netzwerke basieren aber immer auf Kooperation und Kompromissbereitschaft, die nicht in Sieg und Niederlage rechnen, sondern über Win-Win-Beziehungen stabilisieren.

Wir können von Äsop lernen: "Eine Eiche und ein Schilfrohr stritten über ihre Stärke. Als ein heftiger Sturm aufkam, beugte und wiegte sich das Schilfrohr im Wind, um nicht entwurzelt zu werden. Die Eiche aber blieb aufrecht stehen und wurde entwurzelt." Wer auch immer die Werte-Wahl gewinnt, sollte dies beherzigen.

Dr. Antonella Mei-Pochtler ist Senior Partnerin von The Boston Consulting Group (BCG) und Leiterin des Wiener Büros. kolumne.at@bcg.com
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