Rotes Tuch und Totschlägerargumente

22. Oktober 2004, 22:48
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Der Verhaltensforscher Antal Festetics über das barocke Folterritual Stierkampf

Der Stierkampf ist kein "Stierkampf", sondern ein rituelles Abschlachten von Stieren, das mit panischer Angst, unvorstellbaren Schmerzen, öffentlichem Quälen und völliger Chancenlosigkeit der armen Rindviecher verbunden ist. Zu diesem barocken Folterritual gehört als "Vorspiel" der Lanzenstich des Picadors in den Widerrist des Stiers, um ihn durch Verwundung und Blutverlust zu schwächen. Das Pferd der Picadors trägt eine Augenbinde und ist mit Matratzen umhängt, weil früher die gequälten Stiere in der Arena mit ihren Hörnern oft den Bauch der Rösser aufgeschlitzt haben. Die Banderilleros rammen bunt geschmückte Stöcke mit stählernen Widerhaken in den Stier, um seine Schmerzen zu erhöhen und sein Notwehrverhalten zu provozieren. Durch das Gewicht kippen die Stangen im blutenden Stierkörper und wippen durch die Widerhaken am verzweifelt herumspringenden Tier. Solcherart für den Torero zum Abschlachten "erleichtert" sorgen außerdem die Matadoren durch Verwirrspiele und Ablenkungsmanöver mit bunten Tüchern dafür, dass das bereits stark blutende und geschwächte Rindvieh im Todeskampf keine "Chancengleichheit" mit seinem Quäler hat und nicht eventuell Oberhand gewinnt. Der Torero schließlich sticht den Stier ab, quält diesen allerdings vorher noch eine Weile dadurch, dass er sein blutiges Handwerk nicht sofort errichtet, sondern mit dem roten Tuch vor dem Rind herumtänzelt und den Zuschauern gegenüber so tut, als ob es sich um einen chancengleichen "Zweikampf" handeln würde.

"Kann ein zivilisierter Mensch wirklich für ein Spektakel sein, bei dem tausende Zuschauer sich daran weiden, wie ein Tier leidet oder stirbt?" Diese Frage stellte sich im Sommer die Journalistin Barbara Coudenhove-Kalergi (Presse vom 7. Juli 2004). Und ihre Antwort ist ein glühendes Plädoyer für das touristisch vermarktete Schlachtfest mit der unfassbaren Bagatellisierung, der qualvolle Tod des Rindviehs sei bloß ein "kleines Opfer" für das "Kulturerbe der Menschheit"!

Sie ignoriert die schmerzhafte, ausweglose Lage des bedauernswerten Arena-Schlachtviehs. Sie empfindet die beschämende Quälerei als "ambivalente Erotik", des Quälers Torerokostüm "auf eine androgyne Weise aufreizend elegant" und versteigt sich zur Behauptung, der Torero und sein Opfer schienen "in einem sehr privaten Zwiegespräch begriffen" zu sein. Dieser blühende Unsinn wird von ihr fortgesetzt mit dem euphemistischen Hinweis auf die "kleine Stelle im Nacken" des Stieres, jener Stelle also, an der der barock-kostümierte Macho das arme Rindvieh mit seinem Degen abzustechen bemüht ist. Was ihm aber aufs Erste nicht immer gelingt, wodurch die blutige Stierhinrichtung durch Zugaben verlängert wird - zur großen Gaudi der sich am Todeskampf aufgeilenden mediterranen Gemüter und Mallorca-Urlauber.

Ein solches Maß an Verachtung von Mitgeschöpfen gepaart mit Gefühlskälte und mittelalterlich-reaktionärer Sicht lässt einen erschaudern! Das Plädoyer geht aber noch darüber hinaus: "Nirgendwo habe ich so viel Achtung, ja Ehrfurcht gegenüber Tieren erlebt wie in der Stierkampfarena Spaniens." Da röchelt das arme Rindvieh im Sterben, blutet aus Maul und Stichwunde, der Torero gebärdet sich vor seinem Schlachtopfer als "Macho" mit pathetischen Verrenkungen von komisch bis pPeinlich, und die johlenden Zuschauer verfallen in Massenhysterie. Das Schlachtopfer im Todeskampf wird zum "Symbol des Lebens"erklärt! Und wenn dieses in seinen letzten Zuckungen im Staub liegt, steigert sich die Verlogenheit ins Unerträgliche: "Alle stehen auf. Vierzigtausend Zuschauer ehren den gefallenen Stier." Im Verbot dieser blutigen Hinrichtung, wie es zurzeit in der EU diskutiert wird, sieht Barbara Coudenhove-Kalergi schlicht eine "Katastrophe . . . vergleichbar mit Verbot von Theater, Oper, Ballett." Dieser makabre Vergleich ist eine Kränkung von Schauspielern, die hier in einem Atemzug mit Stierschlächtern genannt werden, und zeugt von einem mehr als eigenartigen Kulturverständnis.

Menschen, die sich heute noch am Hinschlachten von Mitgeschöpfen ergötzen, leiden entweder an Wertblindheit und sind deshalb therapiebedürftig, oder sie sind schamlose Geschäftemacher auf Kosten von Schutzbedürftigen. Jene schließlich, die die Stierquälerei in der Arena durch Ästhetisieren zu verklären und zu rechtfertigen versuchen, machen sich im Sinne Lenins zu "nützlichen Idioten" der Abkassierer dieses blutigen Geschäftes. Im viktorianischen London fanden öffentliche Hinrichtungen an Feiertagen, zur Lunchzeit statt. Die Zuschauer kleideten sich dabei elegant-exklusiv wie beim Pferderennen, und es wurden unter dem Galgen Erfrischungsgetränke serviert. Auch ein erhaltenswertes "Kulturerbe"?

Die Ästhetisierung von Grausamkeiten hat eine lange Geschichte. Sie reicht von den Gladiatorenkämpfen und der Inquisition über die Sklaverei bis zu den "heiligen" Kriegen. Der Stierkampf ist ein beschämendes Relikt davon mit allen seinen euphemistischen Ablenkungsritualen und pseudophilosophischen Rechtfertigungsversuchen. Die prächtige Melodie zur Corrida in Bizets "Carmen" kann man auch ohne Stierquälerei genießen, und sie ist genauso wenig eine Legitimation für den Stierkampf wie der Radetzkymarsch etwa für kriegerische Handlungen.

Aber das Abschlachten von Rindviechern in der Arena und von Menschen im Schützengraben ist doch nicht mit einander vergleichbar - oder? Doch! Der Frankfurter Philosoph Adorno sagte treffend: "Faschismus beginnt dort, wo einer im Schlachthof steht und sagt, das sind ja nur Tiere." Doch bereits Immanuel Kant hat in seiner Metaphysik der Sitten 1797 das Verbot von Grausamkeiten gegen Tiere gefordert, weil "dadurch eine der Moralität im Verhältnis zu anderen Menschen sehr diensame natürliche Anlage . . . ausgetilgt wird".

Bleibt noch die "politische" Rechtfertigung: Als bewährtes Totschlagargument muss hier freilich die Arbeitsplatzsicherung herhalten. Aller jener nämlich, die am Stierfolterspektakel verdienen. Gegen dieses Argument hätten wir in der Tat Schwierigkeiten, die Todesstrafe abzuschaffen, falls es sie bei uns noch gäbe, denn wer wollte schon die Arbeitslosigkeit von Henkern verantworten? Als Gipfel des Zynismus hat schließlich Spanien in Brüssel versucht, den Stierkampf mit "Notschlachtung" zu definieren und zu rechtfertigen. Bislang hatte das EU-Parlament als Ausrede die Duldung von "nationalen Eigenarten und alten Traditionen" parat. Damit wurde das öffentliche Stierfoltern zur Folklore verharmlost und Tradition zum Dogma erhoben. Mädchenhandel aber hat zum Beispiel eine viel ältere Tradition als die Corrida, doch merkwürdigerweise ist sie bereits verboten!

Barbara Coudenhove-Kalergi bedient sich weiterhin der ebenso alten wie falschen Argumente zur Rechtfertigung des blutigen Rituals in der Arena: "Die Rasse der Kampfstiere existiert, weil es den Stierkampf gibt." Da könnte man genauso gut sagen: Um jene Kampfhunderasse zu erhalten, die von den Konquistadoren eigens dafür gezüchtet worden waren, flüchtige Sklaven oder feindliche Indianer (als abschreckende Maßnahme) zu zerreißen, muss Menschenjagd mit Hunden erhalten bleiben - als "Kulturerbe"!? Das zweite Totschlagargument ist schließlich der Vergleich des Stierkampfes mit den qualvollen Rindertransporten und Schlachthöfen. Das ist von der Logik her gesehen die wohl dümmste Rechtfertigung des öffentlichen Stierfolterns. Beim Schutz unserer Mitgeschöpfe vor Leiden darf doch nicht das Prinzip Entweder-oder walten, sondern vielmehr das Sowohl-als-auch! Der Versuch, ein Leid gegen ein anderes aufzurechnen, ist ein Zeichen mangelnder Logik und Gefühls. Tierleid ist, wie jedes Leid, unteilbar! Das Hauptargument der Stierkampfbefürworter ist jedoch keineswegs die Befindlichkeit der Tiere, sondern das theatralische Gehabe ihrer Quäler, also das Ästhetisieren von Grausamkeiten. Statt "Kulturerbe" sollten wir vielmehr von "Kulturschande der Menschheit" sprechen und uns dabei an Nero, Caligula, Graf Dracula und Dr. Mengele erinnern. Kreuzigen, Pfählen, Skalpieren, Scheiterhaufen, blutige Schlachten und "Ausmerzen" fanden immer wieder Niederschlag in der abendländischen Kunstgeschichte, und sie finden Fortsetzung in der euphemistischen Verklärung des Stierkampfes! (DER STANDARD, ALBUM, Printausgabe vom 23./24.10.2004)

Antal Festetics ist Professor für Wildbiologie und Jagdkunde in Göttingen
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