Test: Die Perlen der Wiener Kinolandschaft

1. November 2004, 20:01
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Tempel der Schaulust: Einsaal-Kinos repräsentieren den samtenen Glanz der klassischen Lichtspielhäuser. Die Perlen der Wiener Kinolandschaft im Test

EINSAAL-KINOS repräsentieren den samtenen Glanz der klassischen Lichtspielhäuser. Als Perlen der Wiener Kinolandschaft bieten sie Cineasten eine stilvolle Melange aus Plüsch, Flair, Komfort und Qualität. Doch oft ist's auch recht eng, erfuhr Gerd Götzenbrucker.


Wien verfügt - gemeinsam mit Paris - über eine in Europa wohl einzigartige Kinolandschaft, die sich durch ihre Vielfalt an Lichtspielhäusern auszeichnet. Obwohl es immer mehr große Kinokomplexe gibt, die fast die Hälfte der Eintritte realisieren, halten die zahlreich vertretenen Arthouse- und Premierenkinos der Wiener Innenstadt mit Qualität, Programmvielfalt und viel Plüsch wacker dagegen. Wie lukrativ Kino abseits des Mainstreams sein kann, zeigt sich alljährlich während der letzten beiden Oktoberwochen: dann nämlich, wenn das Filmfestival Viennale die großen Einsersäle am Ring ins internationale Rampenlicht der Kinowelt rückt und für Besucherzahlen sorgt, von denen die Betreiber der Blockbusterbunker an der Peripherie nur träumen können.

Die 90er-Jahre haben die Wiener Kinolandschaft wieder in Bewegung gebracht. Innerhalb der Freizeitwelt hat das einstige Auslaufmodell wieder seinen festen Platz. Hochprofessionelle Projektion und Hightech-Soundsysteme gehören mittlerweile zum Standard. Die Säle sind gut gewartet und präsentieren sich teilweise auch äußerst stilvoll - allen voran das Metro-Kino, das mit Bar und Bistro auch von Nichtkinogehern als Treffpunkt genutzt wird.

Was man bei den meisten Einsaal-Kinos allerdings ein wenig vermisst, sind die großzügigen Dimensionen. Auch in größeren Theatern muss man sich oft durch ein kleines Foyer drängen, andere Säle prunken mit einem schönen Foyer, enttäuschen aber mit eher kleinen Leinwänden. Und die Studiokinos verfügen generell nur über eher bescheidene Platzverhältnisse. Treuen Filmfans scheint dies aber nichts auszumachen: Es liegt wohl am hervorragenden Filmangebot, dass diese Säle ihr Publikum halten; in Sachen Projektion und Ton überzeugen immerhin auch die meisten Kleinsäle.


Auswahl und Kriterien:

Der heutige Traditionskinogeher will anspruchsvolle Filme, wenn möglich in Originalfassung, sehen, und zwar in bester Bildqualität, auf großer Leinwand, mit modernster technischer Ausstattung und von bequemen Sitzplätzen aus. Die Viennale bietet einen guten Anlass, sich die "Flaggschiffe" der insgesamt 22 Einsaal-Kinos der Stadt näher anzuschauen. Die Saalgröße spielte bei der Auswahl nur eine untergeordnete Rolle, wohl aber interessierten die Platzverhältnisse an sich: Enge Sitzreihen bedeuteten schlechte Noten, kleine Leinwände in großen Kinos auch. Bei der Benotung spielten messbare Kriterien (Technik, Leinwandgröße, Programmierung), aber auch subjektive Eindrücke (Ambiente, Einrichtungsstil, Saalbelüftung) eine Rolle. Nicht bewertet wurden zentrale Lage oder Parkmöglichkeiten.


Die Ergebnisse:

Gartenbau
1., Parkring 12;
Betreiber: Entuziasm GesmbH;
750 Sitzplätze, 4 Rollstuhlplätze
Das Gartenbaukino ist ein Filmpalast im schönsten Sinn des Wortes. Im Jahre 1960 errichtet strahlt es mit seiner beeindruckenden Saaldimension das Selbstbewusstsein eines klassischen Premierenkinos aus. Spätestens, wenn das Licht ausgeht und der rote Samtvorhang stückweise die 110 m² große Leinwand freigibt, bekommt man Herzklopfen. Und jeder, der hier Filme wie "Odyssee 2001" gesehen hat, weiß, wie spürbar Kino im Cinemascope-Format sein kann. Ein Fest für Auge und Ohren, das sich dank vorzüglichster Technik bis in die Magengegend ausbreitet. Einziger Wermutstropfen sind die etwas zu eng angeordneten Sitzreihen: Gerade zu Viennale-Zeiten, wo der Saal am Parkring tageweise restlos ausverkauft ist, muss sich mitunter die ganze Reihe körperlich ertüchtigen, damit Zuspätkommende noch Platz nehmen können.
Punkte: 9,2

Urania Kino
1., Uraniastraße 1;
Constantin Film;
252 Sitzplätze (28 am Balkon), 2 Rollstuhlplätze
So soll ein schöner Kinoabend sein: Der Blick auf die Leinwand ungetrübt, genügend Bein-und Ellbogenfreiheit, und auch das Steißbein fühlt sich wohl. Der nach einer umfassenden Renovierung 2002 wiedereröffnete Prunksaal der Urania bietet seinem Publikum ein rundum wohliges Kinovergnügen. Dafür sorgen extrabreite, in rotem Plüsch gehaltene Kinositze mit einem Reihenabstand von 1,3 Meter (der Durchschnitt liegt zwischen 80 und 100 cm) und eine nahezu perfekte Kombination aus Bildgröße und Qualität der Vorführung. Die warme Farbgebung des Saales und das stilvolle Interieur verleihen Atmosphäre und machen das Traditionshaus zwischen Ring und Donaukanal zu einer Filmstätte mit Flair.
Punkte: 8,6

Metro-Kino
1., Johannesgasse 4;
Filmarchiv Austria;
228 Sitzplätze, 4 Rollstuhlplätze
Wer zum ersten Mal den ehrwürdigen Saal des Metro-Kinos in der Wiener Innenstadt betritt, wird seinen Augen nicht trauen, obwohl das holzvertäfelte Foyer und großzügig angelegte Treppenaufgänge bereits auf gehobene Theateratmosphäre hindeuten: Warme Farbtöne, das Braun der Boiserien, das satte Rot der Teppiche und der Polsterung ziehen einen sofort in ihren Bann und suggerieren einen Hauch von privater Salon-Stimmung. Hat man Platz genommen in einem der bequemen Samtstühle - vorzugsweise am Balkon oder in den seitlichen Logen -, staunt man über so manches noch vorhandene Biedermeierdetail. Auch wenn sich die Leinwand dann doch (im Verhältnis zum Saal) als zu klein herausstellt und auch die Beinfreiheit ein wenig zu wünschen übrig lässt, fühlt man sich in Wiens schönstem Lichtspieltheater pudelwohl.
Punkte: 8,0

Stadtkino
3., Schwarzenbergplatz 7;
Stadtkino GesmbH;
174 Sitzplätze, 2 Rollstuhlplätze

Mag sein, dass es größere, schönere Lichtspiele gibt, doch letztlich ist jedes Kino nur so gut wie sein Programm. Und eben in dieser Kategorie - auf die es Cineasten wirklich ankommt - kann dem Stadtkino Wien kein anderes das Wasser reichen. 1981 nach dem Vorbild der kommunalen Kinos in Deutschland gegründet, hält das Stadtkino hartnäckig bis heute an den seinerzeit gesetzten Qualitätsstandards fest. Leider hapert es ein wenig am Ambiente und Komfort. Für eine etwas unterkühlte Atmosphäre sorgt die grau-grüne Farbgebung der ein wenig zu hart gepolsterten Sitze, die zudem viel zu knapp zur Vorderreihe platziert sind. Äußerst positiv präsentiert sich dann die Vorführung: Im Saal wird es stockdunkel, und die Projektion auf eine für diese Saaldimension große Leinwand ist hervorragend. Wer bei der Beinfreiheit zurückstecken kann und auf Programmqualität bei feiner Technik setzt, ist im Stadtkino goldrichtig.
Punkte: 7,4

Künstlerhaus Kino
1., Akademiestraße 13;
Verein bildender Künstler Österreich;
280 Sitzplätze, 2 Rollstuhlplätze
Das Künstlerhaus Kino ist nicht nur einer der letzten unabhängigen Filmtempel Wiens, sondern und vor allem ein Kino an einem Ort der Kunst. Der reich dekorierte, mit Samtstühlen gut bestückte, rot-güldene Festraum versprüht eine angenehme Konzertsaalatmosphäre. Erst auf den zweiten Blick offenbaren sich die Schwächen dieses schönen Kinos: viel zu kleine Leinwand, enge Sitzreihen und ein - bei guter Auslastung - teilweise eingeschränktes Sichtfeld. Auch die Sitz-Bequemlichkeit bleibt etwas auf der Strecke, aber für die Kultur und die ausgesprochen gute Programmierung muss man eben etwas leiden.
Punkte: 6,8

Anmerkung:
Der Autor hat sich aus Aktualitätsgründen auf die Viennale-Spielstätten konzentriert und verweist auf die breite Palette der Wiener Einsaal-Kinos und Studios. Er bedauert zutiefst, dass ein weiteres Traditionskino - das EOS - dieser Tage zusperren musste. Es hätte sich in diesem Test hervorragend geschlagen.
(DER STANDARD, ALBUM, Printausgabe vom 23./24.10.2004)

*) Jeder Artikel spiegelt die ganz persönlichen Erfahrungen der AutorInnen wider.
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    Kinosaal Urania

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