Ein säuerlicher Leichtmatrose

19. Oktober 2004, 14:38
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Berufszyniker Mark E. Smith, Konstante der britischen Band "The Fall", bescherte Wien einen Abend, der in Euphorie endete

Wien - "Mister Pharmacist / Can you help me out today / In your usual lovely way / Oh Mr Pharmacist I insist / That you give me some of that vitamin C / Mr Pharmacist ..."

Wann Mark E. Smith zuletzt mit Vitamin C in Berührung gekommen ist - man weiß es nicht. Der Song Mr Pharmacist stammt jedenfalls aus dem Jahr 1986, und wenn man in der Szene Wien einen Blick hinter das eng an den Mund gehaltene Mikrofon erhaschte, könnte das als Schätzung zutreffen: Zahnlos wie ein skorbutkranker Leichtmatrose und arrogant wie Torbergs Gott Kupfer stelzte Smith, der in bald 30 Jahren mit The Fall geschätzte 40 Alben veröffentlichte, über die Bühne.

Die aktuelle fünfköpfige Band sorgte neben ihm für die charakteristischen Begleitumstände seiner Auftritte: Repetitive Gitarrenriffs, hart wie der Zahnstein früherer Tage. Schlagzeugarbeit, monomanisch wie auf einer Sträflingsgaleere, dazu - quasi als einzig zugelassene Zierleiste - unwirsche Zwei-Finger-Keyboard-Melodien, die Smith an guten Tagen im Vorbeigehen selbst besorgt.

Smith, aus Manchester stammend, gilt als Ur-Punk der britischen Insel. Schon früh entwickelte das Arbeiterkind mit seiner Band eine Art Gegenboheme, die sich stur jedes modischen und trendigen Einflusses entzog. Über die Jahre etablierte der Lieblingsmusiker von BBC-Radiolegende John Peel so eine Authentizität, die in ihrer Mir-doch-egal-Haltung nur noch von Bob Dylan höchstpersönlich überboten wird.

In den 80ern entstanden Meilensteine wie This Nations Saving Grace oder Bend Sinister, aus dem das erwähnte Mr Pharmacist stammt. Der Einfluss der deutschen Band Can, vor allem deren Rhythmusarbeit, ist diesen Werken deutlich anzumerken. Ansonsten ließ Smith keine Einflüsse zu.

Oder nur selten: Auf seine Art, also mit einem PH-Wert, der permanent im sauren Bereich ist, nahm er die sich verändernde Manchester-Szene Ende der 80er-Jahre zur Kenntnis und veröffentlichte im Windschatten der Rave-Bewegung Meisterwerke wie Hit The North, Extricate oder Shift-Work. Alben, die mit zum Besten dieser "Madchester" genannten Epoche zählen.

Nölen mit "Biff"

Nachdem Smith in den 90ern trotz guten Arbeiten im Schatten angesagterer Stile vor allem physische Selbstdemontage betrieben hat, erlebt er seit einiger Zeit eine Renaissance. Tatsächlich sah man The Fall lange nicht in so exzellenter Form wie am vergangenen Dienstag. Ein dominant gespielter Bass verlieh Smith' nölendem Sprechgesang zusätzlich Biss, besser: "Biff".

Jener Nachdruck, mit dem er Open The Boxoctosis#2, Montain Energei oder das für Fall'sche Verhältnisse fast lieblich anmutenden Janet, Johnny + James vom aktuellen Album The Real New Fall LP absonderte. Der hypnotische Sog, den die Band dabei entwickelte und der in einer sich zu wilder Intensität anwachsenden letzten, leider unbekannten Nummer vor dem Zugabenblock steigerte, war die eigentliche Show.

Eine Show mit einem dazu nicht willigen Frontmann. Einem, den nichts mehr anzuekeln scheint als das Posing im Pop. Smith ist dazu der Gegenentwurf. Der umbarmherzigste, den man sich vorstellen kann. Optisch die Schnittmenge aus E.T.s Mutter und dem jungen Johnny Cash, weiß er, dass nur bei bedingungsloser Konzentration der kreativen Energie auf die eigentliche Kunst solche entstehen kann. Alles andere ist Zeitverschwendung und Kinderkram. Dagegen ist Mark E. Smith ein lebendes Mahnmal.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14.10.2004)

Von Karl Fluch
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    Mark E. Smith

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