Lange Reise in die Nacht

14. Oktober 2004, 22:07
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Nicht effekthascherisch, sondern effektiv: Cédric Kahns Thriller "Feux rouges - Schlusslichter" nach Georges Simenon

Ein Paar im Auto unterwegs nach Süden – eine Alltagssituation, die langsam aus dem Ruder läuft: Mit Feux rouges / Schlusslichter hat Cédric Kahn einen effektiven kleinen Thriller gedreht, der auf Effekthascherei verzichtet.


Sommer in Paris, Plätze in Städten – ein Mann und eine Frau treffen an einem heißen Tag nach Dienstschluss letzte Vorbereitungen für die Fahrt nach Süden. Die Kinder sind schon dort, der Familienurlaub geplant, die Route altbekannt. Alles könnte ganz einfach sein, alles kommt dann ganz anders.

Mit Feux rouges / Schlusslichter hat der 38-jährige Franzose Cédric Kahn nach Roberto Succo und L'ennui erneut eine fremde Vorlage fürs Kino adaptiert: Der gleichnamige Roman von Georges Simenon stammt aus den 50er-Jahren. Aber, so der Regisseur im Gespräch mit dem STANDARD, die Beziehungskonstellation entspreche "zeitgenössischen Problemlagen, Fragen männlicher und weiblicher Identität: Sie ist eigentlich unabhängiger, auch reifer, er dagegen besitzt eine gewisse Zerbrechlichkeit. Ich habe nicht besonders viel modifiziert, aber mein Film ist ohnehin nicht sehr modern, sondern eher zeitlos. Ich versuche auch gar nicht, besonders modern oder genauer: modisch zu sein – solche Arbeiten altern ziemlich schnell."

Im Film wird das Paar von Carole Bouquet und Jean-Pierre Darroussin verkörpert – eine eigenwillige Kombination, die mit den Star-Personae – sie der Inbegriff von distanzierter Kultiviertheit, er bisher vor allem als Komödiant bekannt – spielt: "Das war für mich wie die Zuspitzung der Situation im Buch. Man fragt sich zum einen, wie diese zwei wohl zusammengekommen sind. Andererseits macht sie diese vordergründige Inkompatibilität vielleicht auch ein bisschen glaubwürdiger als Paar. Schließlich heißt es ja, Gegensätze ziehen sich an, und das macht auch die Geschichte spannender."

Das Paar tritt also nach einigen Verzögerungen seine Autofahrt in die Ferien an. Die äußeren Rahmenbedingungen (ganz Paris fährt gen Süden) und die labile Prädisposition des Mannes (schon vor Beginn der Fahrt hat er heimlich ein paar Bierchen gekippt) bilden rasch den explosiven Hintergrund für die zunehmend heftigeren Auseinandersetzungen des in seinem Auto und seinem Zeitdruck gefangenen Paares.

Panikattacken

Kahn durchsetzt diese Charakterstudie allmählich mit Thrillerelementen – die Frau lässt den Mann mitten in der Nacht wütend stehen. Und während dieser zunächst die neue Freiheit ausnützt, mischen sich allmählich doch Sorge und schließlich Panik in seine alkoholselige Stimmung. Das Auftauchen eines mysteriösen Autostoppers und der bis auf Weiteres ungeklärte Verbleib der Ehefrau lassen die Situation endgültig in ein Thrillerszenario kippen: "Über das Genre kann man mehr Emotionen übermitteln. Das französische Kino wird oft auf Charakterpsychologie reduziert, ich finde es nicht so gut, die ganze Erzählung nur an der Psychologie der Figuren aufzuhängen."

Formal ist Feux rouges dabei ein angenehm altmodischer, gelassener Film – mit einem überragenden Hauptdarsteller: "Jean-Pierre Darroussin ist in Frankreich ein sehr beliebter Schauspieler und sehr erfolgreich. Natürlich birgt das für einen Regisseur, speziell wenn es um so eine dramatische Erzählung geht, auch ein gewisses Risiko – aber er ist ein sehr guter, sehr intensiver Darsteller, und er war auch selber ungemein interessiert daran, eine andere Facette von sich, seine ganze Bandbreite als Schauspieler zu zeigen."

Mit den schwankenden Gefühlslagen des Mannes, den Darroussin mit viel Detailsinn verkörpert, gehen räumliche Veränderungen einher: Die Fahrbahnen werden enger, Neonschilder und Verkehrstafeln wirken wie geheimnisvolle Zeichen, die den nächtlichen Straßenrand säumen – trotzdem will Kahn den Film nicht als Roadmovie verstanden wissen: "Die Straße als solche ist bloß das Dekor, der Hintergrund. Ein echtes Roadmovie würde sich auf die Reise an sich konzentrieren. Hier ist das nicht so, es könnte auch anderswo spielen. Die Straße wird sehr schnell zu einer Metapher, sie wird eine Art von Vision. Ich wollte sehr ähnliche, ganz gerade, leere Fahrbahnen. Die Bewegung von der mehrspurigen Autobahn zu immer kleineren Straßen bis hin zur Sackgasse im Wald und auch die Idee, vom Weg abzuweichen, haben mich interessiert."

Arbeitsphilosophie

Irgendwann – am Morgen, verkatert – lässt Kahn seinen zunehmend panischer agierenden Helden in einem abgelegenen Bistro schließlich telefonisch Erkundigungen nach dem Verbleib seiner Frau einholen. Die nahezu ungeschnittene, rund 20-minütige Szene wird gewissermaßen zur Bühne für ihren Darsteller, der sie ganz allein ausfüllt, während die Kamera ihn beobachtet. Die formale Entschiedenheit, mit der Kahn hier für den weit gehenden Verzicht auf Montage votiert, veranschaulicht, so der Regisseur, seinen generellen Zugang zum Filmemachen, seine "Arbeitsphilosophie":

"Es sind ein paar Schnitte drin, aber es stimmt, es sind auffällig wenige. Generell versuche ich, so wenig wie möglich zu schneiden. Ich gehe immer mehr dazu über, so viele Dinge wie möglich in einer Einstellung spielen zu lassen. Ich liebe die Möglichkeiten der Montage, in meinen Anfängen war ich selber Cutter. Aber mittlerweile finde ich, dass das zeitgenössische Kino zu sehr auf der Montage basiert und damit nicht selten etwa darstellerische Mängel kaschiert werden.

Ich sehe in solchen Schnellschnittkaskaden ja die Schauspieler und die reale Seite ihrer Arbeit gar nicht mehr. Für eine Szene wie die angesprochene ist es umso wichtiger, dass man sich ganz auf die Wahrnehmung des Schauspielers konzentriert, dass Kameraführung und Regie quasi verschwinden und man sich als Zuschauer ganz auf die Emotionen einlässt, ein symbiotisches Verhältnis zur Figur eingehen kann.

Je weniger man insgesamt schneidet, desto größer ist die Bedeutung der einzelnen, tatsächlichen Schnitte – glaube ich zumindest."
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15.10.2004)

Von
Isabella Reicher

16.10., 18:00
Gartenbau

20.10., 21:00
Urania
  • Ordentlich vom Weg abgekommen: Jean-Pierre Darroussin verkörpert in "Feux rouges" mit Nachdruck einen Helden zwischen Lethargie, Trunkenheit und Panik, der auf der langen Fahrt gen Süden nicht nur die Kontrolle über sein Fahrzeug verliert
    foto: viennale

    Ordentlich vom Weg abgekommen: Jean-Pierre Darroussin verkörpert in "Feux rouges" mit Nachdruck einen Helden zwischen Lethargie, Trunkenheit und Panik, der auf der langen Fahrt gen Süden nicht nur die Kontrolle über sein Fahrzeug verliert

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    Im Zweifel für die Mise en scène: Regisseur Cédric Kahn

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    foto: viennale
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