Mutterliebe

18. Oktober 2004, 18:35
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Jonathan Caouettes autobiografische Collage "Tarnation" erweitert sich zum Parcours durch popkulturellen Moden

Manche Alpträume beginnen als Märchen. Ein kleines, hübsches Mädchen aus Texas wird von einem berühmten Fotografen als Model entdeckt. Er macht sie noch als Kind zum Star. Dann fällt sie eines Tages vom Dach und ist paralysiert. Es folgen Schockbehandlungen, die alles noch schlimmer machen. Aufenthalte in psychiatrischen Kliniken, dazwischen eine kurze Ehe, aus der ein Kind hervorgeht – und dann wieder jahrelange Isolation.

Tarnation erzählt die Geschichte dieser Frau namens Renee, der Mutter des Regisseurs – und damit immer schon auch dessen eigene. Angeregt durch Gus van Sant hat Jonathan Caouette aus einer Fülle von Bild- und Tonmaterial – von Schnappschüssen, Audioaufnahmen, über Super-8- und Videoaufnahmen bis hin zu Found Footage – sein eigenes Leben als Chronik rekonstruiert. Die Kosten: 218, 32 Dollar.

Ich ist darin die Summer aller Bilder: In Caouettes Coming-of-age-Videotagebuch ist die Identität des Autors ebenso wenig von der leidvollen Biografie seiner (lange Zeit abwesenden) Mutter zu trennen, wie von seiner Sozialisierung in der Popkultur. Als Teenager im Alter von etwa zwölf Jahren richtet er das erste Mal die Kamera auf sich selbst und entwirft sich als Frau, die sich gegen Gewalt auflehnt – ein Echo auf seine Erfahrung als Kind, als er die Vergewaltigung seiner Mutter miterleben musste.

In dritter Person gehaltene Textinserts liefern in Tarnation die äußeren Eckdaten des Lebens. Die dazugehörigen Bilder bleiben jedoch radikal subjektiv, sie bilden einen überbordenden, durch Musik und externes Filmmaterial konturierten Bewusstseinsstrom, der (auch) Caouettes subjektives Coming-Out als Homosexueller übersetzt.

80er-Rückschau

Es sind die Angebote der Jugendkultur, die ihm zu einer queer identity verhelfen: Über Underground-Filme, New Wave und Punk – in der Highschool inszeniert Caouette eine Musicalaufführung (!) von Blue Velvet – findet er mehr und mehr zu sich selbst. Solche Einschübe erweitern Tarnation dann auch zum Parcours durch die popkulturellen Moden und Trends der 80er-Jahre: eine Rückschau bar jeder Retro-Nostalgie.

In New York, wohin Caouette letztlich vor den kleingeistigen Verhältnissen flüchtet, findet er schließlich auch zu seiner Mutter zurück: Hier wird Tarnation endgültig zum berührenden Home-Movie einer gegen alle Widernisse widerständigen Mutter-Sohn-Liebe. Aber das wäre als Ende zu schön. Das Leben lässt sich nicht zurechtfalten.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16./17.10.2004)

Von
Dominik Kamalzadeh

18.10., 21:00
Urania

19.10., 15:30
Gartenbau
  • Ein berührendes Tribute an die eigene Mutter: Jonathan Caouettes   "Tarnation"
    foto: viennale

    Ein berührendes Tribute an die eigene Mutter: Jonathan Caouettes "Tarnation"

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