"Gewalt ist kein Selbstzweck"

15. Oktober 2004, 17:00
5 Postings

Eine Comicsverfilmung als große epische, brisante Variation über Schuld und Rache: "Old Boy" von Chan-Wook Park

"Old Boy" ist einer der kontroversiellsten und visuell großartigsten Filme dieser Viennale: Dieter Oßwald sprach mit dem koreanischen Regisseur Chan-Wook Park.


Wien – Was ist der Unterschied zwischen Quentin Tarantino und Chan-Wook Park? Der eine holte sich sein Wissen aus Videotheken, der andere studierte Philosophie. Für den einen ist Gewalt nur Spaß und Selbstzweck. Für den anderen eine Frage der Moral. In Sachen Coolness, innovativer Erzählform und Stilbewusstsein nimmt es der Koreaner mit dem US-Kultfilmer durchaus auf. Nicht umsonst bekam Park in Cannes für sein Rachedrama Old Boy den "Grand Prix" der Jury – deren Vorsitzender Tarantino war.


STANDARD: Was halten Sie vom Prädikat "koreanischer Quentin Tarantino"?

Chan-Wook Park: Das habe ich noch nie gehört! Mit einem großartigen Regisseur verglichen zu werden ist natürlich eine große Ehre. Dennoch sind wir beide sehr unterschiedlich: Ich möchte Gewalt niemals als vergnüglich zeigen. Der zweite Unterschied liegt darin, dass Tarantino viele Referenzen an andere Filme macht. Das tue ich auch nicht. Wenn schon, dann würde ich mich am ehesten mit Abel Ferrara vergleichen.

STANDARD: Wie wäre es mit dem Prädikat "koreanischer Kino-Kafka"?

Park: Kafka ist mein absoluter Lieblingsautor. Allerdings habe ich nie Situationen seiner Texte für meine Filme verwendet. Der Einfluss ist wohl eher unterbewusst. Mich fasziniert an Kafka vor allem, wie er seine Figuren mit absurden Verhältnissen konfrontiert und welche Gefühle daraus entstehen – was ja durchaus komische Effekte hat. Aus dem gleichen Grund gefällt mir übrigens auch Dostojewski sehr gut.

STANDARD: Wie in Ihrem letzten Film Sympathy For Mr.Vengeance geht es in Old Boy wieder um Rache – was reizt Sie daran so sehr, dass Sie daraus eine ganze Trilogie machen?

Park: Rache und Selbstjustiz sind in der modernen Zivilisation nicht geduldet. Dennoch bekommen die meisten Menschen sofort Rachegedanken, wenn ihnen Unrecht zugefügt wird und plötzlich taucht wieder das Auge-um-Auge-Prinzip auf. Weil Rache in der Realität jedoch nicht erlaubt ist, gebe ich mit meinen Filmen die Möglichkeit, den aufgestauten Ärger abzubauen. Mich wundert eigentlich, warum sich nicht mehr Regisseure mit diesem fundamentalen Thema auseinander setzen.

STANDARD: Es gibt in Ihrem Film ausgeschlagene Zähne und eine abgeschnittene Zunge – wofür die extreme Gewalt?

Park: Die Welt funktioniert nach den Mechanismen von Gewalt. Deswegen präsentiere ich sie in ihren extremen Auswüchsen. Allerdings geht den Zuschauern wohl bisweilen die Fantasie durch: Sie sehen etwas, was gar nicht da ist – das Abschneiden der Zunge etwa ist ja gar nicht zu sehen. Ich verzichte auf ästhetisierte Gewaltszenen und zeige nur deren Schmerzhaftigkeit. Filme, in denen Gewalt als bloßer Spaß eingesetzt wird finde ich unmoralisch und gewissenlos.

STANDARD: Ohne zu viel zu verraten: welche Rolle spielt der Inzest als Tabu-Thema? Haben Sie selbst solche Begierden jemals verspürt?

Park: Ich habe seit kurzem eine kleine Tochter und würde die Frage auf jeden Fall definitiv verneinen. Aber Inzest gehört zu den fundamentalen Begierden der Menschen. Diese Begierde wird von jeher durch die Moral verboten. Dennoch wird dieses Tabu immer wieder in der Kunst aufgegriffen, von der Antike über die Klassik bis zu Hollywood. Allein diese Beschäftigung mit dem Thema über Jahrhunderte hinweg zeigt schon, wie groß diese Begierde im Menschen sein muss. Aller Verbote zum Trotz scheint sie im Unterbewusstsein präsent zu sein.

STANDARD: Könnten Sie in Hollywood Ihre Filme so kompromisslos machen wie bisher?

Park: Ich könnte auch auf dem Mars Filme machen. Aber ich werde nicht nach Hollywood gehen, nur weil dort ein kommerzieller Erfolg wartet. Jeder Künstler wünscht sich natürlich, dass möglichst viele Menschen seine Arbeit sehen. Die Macht der US-Studios und die englische Sprache erhöhen die Chancen auf ein weltweites Publikum enorm – das macht Hollywood durchaus verführerisch. Allerdings gibt es für mich das Sprachproblem. Bei John Woo war es nicht so wichtig, wie gut sein Englisch am Anfang war: Action-Filme erfordern kein Sprachgefühl. Bei mir ist das wohl etwas schwieriger.

STANDARD: Mögen Sie das Kino von John Woo?

Park: Die John Woo-Filme vor seiner Hollywood-Zeit mochte ich sehr, allerdings sehe ich keine direkte Beziehung zu mir. Das Thema Loyalität, das bei Woo immer eine ganz große Rolle spielt, kommt bei mir nicht vor. John inszeniert seine Gewaltszenen zudem mit einer wunderschönen Choreographie – auch das entspricht nicht meiner Vorstellung. Obwohl: John nennt immer Sergio Leone und Sam Peckinpah als seine großen Vorbilder. Interessanterweise sind das auch meine Idole.

STANDARD: Old Boy beruht auf einem sehr erfolgreichen japanischen Manga-Comic für Erwachsene – ist der Kafka-Fan auch Comic-Freak?

Park: Das war banal so, dass mir die Produzenten den Stoff anboten, weil sie wohl glaubten, ich wäre der richtige für die filmische Umsetzung eines Manga. Ich bin zwar ein großer Bewunderer dieser japanischen Kunstform. Im Unterschied zu europäischen oder amerikanischen Comics sind Mangas bei uns in Korea auch sehr verbreitet. Aber ganz so verrückt wie viele Fans bin ich allerdings nicht.

STANDARD: Wie verrückt ist ein Schauspieler, der einen lebenden Tintenfisch in Ihrem Auftrag verspeist?

Park: Nun, roher Tintenfisch ist durchaus eine Delikatesse in Korea. Ich gebe allerdings gerne zu, dass er in den meisten Fällen zerkleinert serviert wird und nicht mehr mit seinen Fangarmen durch die Nase greift ...
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16./17.10.2004)

Von
Dieter Oßwald

16./17.10., 1:00
Gartenbau

18.10., 11:00
Urania
  • Artikelbild
    foto: viennale
Share if you care.