Inspiration durch Niederlagen

15. Oktober 2004, 17:00
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Endlich wieder ein neuer Godard: In "Notre musique" erscheint der Filmemacher als Seher als Komödiant

Mit "Notre musique" bewegt sich der Altmeister der Nouvelle Vague geradezu narrensicher durch katastrophisches Gebiet: Der Filmemacher als Seher als Komödiant...


"Homer weiß nichts von Schlachtfeldern, Massakern, Triumphen, Ruhm. Er ist blind, und das alles langweilt ihn." – Jean-Luc Godard, der solches in seinem neuesten Film wie nebenbei in den Raum stellt: Er ist natürlich nicht blind, er sieht, aber das hindert ihn nicht daran, sich wie ein blinder Sänger und Seher in eine Art von Leere hinein zu tasten, in der er auf die denkwürdigsten Details und Requisiten und Zitate stößt.

Was macht man heute mit Godard (sofern er sich dafür überhaupt zur Verfügung stellt)? Man stellt ihm Fragen, die ihn nicht selten langweilen. Soweit jedenfalls eine Szene in Notre musique, in der ein Student in Sarajevo gerne wissen würde, ob das Kino durch digitale Bilder zerstört wird. Oder? Vermutlich hat der Fragende die Antwort dazu längst im Kopf: Wozu also antworten? Also dreht Godard den Spieß um, schweigt, und wenn dann kurzfristig eine mit Erwartungen aufgeladene Situation in fast schon komische Ratlosigkeit umkippt, dann entsteht (schon wieder) einer dieser typischen Godard-Momente: Hier das Porträt eines alternden Mannes in Großaufnahme. Alexander Kluge würde sagen: Ein Bild, das Handlung hat.

Notre musique teilt sich wie ein Flügelaltar in drei Segmente: "Hölle" – eine Found-Footage-Tour de Force durch Kriegs und Zerstörungsbilder im Stil der Histoire(s) du Cinéma. "Purgatorium" – Gespräche und Tagtäume rund um ein Symposium in Sarajevo und Mostar. Intellektuelle und andere Nomaden. Schließlich: "Paradies" – Jugend, Natur. Verschwinden?

Musik begreifen

Das alles klingt, wie immer bei Godard, wenn man sich bei Beschreibungen nicht auf die Präzision von Bild und Schnitt einlassen kann, verrätselt und wenig zugänglich. Und es hilft nur wenig weiter, wenn man weiß, dass ein Ausgangspunkt für Notre musique Aufnahmen von Manfred Eichers Plattenlabel ECM waren – Musik von Jean Sibelius, Arvo Pärt, David Darling oder Gyorgy Kurtág.

Aber so, wie Godard diese Musik als konkrete Textur versteht, so sehr findet er in Notre musique zu einem Blick in Augenhöhe, der diesen Film auf streckenweise durchaus amüsante Weise weit weniger hermetisch erscheinen lässt als einige seiner Vorläufer. Und wenn Godard (stärker noch als in seinem Selbstporträt JLG par JLG) sich als "Komiker" bis an den Rand des Slapstick vorwagt, dann würde man Notre musique ganz gerne in einem Programm von Filmen von Jerry Lewis, Jacques Tati oder den Marx Brothers sehen.

Die würden so etwas wie "Zerstörung durch digitale Bilder" vielleicht in wilden Verwirrungen zelebrieren. Bei Godard genügt ein Blick durch dickere Brillengläser – und der ist jetzt schon ein Klassiker.

"Es steckt mehr Inspiration und menschlicher Reichtum in der Niederlage als im Sieg" – eine alte Komödianten-Weisheit. Und wer vermag besser als Godard (oder früher Chaplin) jene ernsthaften jungen Mädchen zu porträtieren, die oft nur durch törichte Herrschaften erheitert werden können? Sarah Adler und Nade Dieu – das sind schon wieder zwei neue Frauengesichter des französischen Kinos, wie sie for ever wohl nur Godard zu entdecken und in Licht und Schatten nachzumalen versteht. Dazwischen topft er Geranien um, arrangiert manchmal etwas läppische theatralische Szenarios in oder vor Ruinen, und wie heißt es so schön: Wenn es ihn nicht gäbe, man müsste Godard erfinden.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16./17.10.2004)

Von
Claus Philipp

17.10.,18:00
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  • Artikelbild
    foto: viennale
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