Die heimliche Ambivalenz

11. Oktober 2004, 13:16
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Oskar Aichinger gastiert am Sonntag mit einem Wienerlied-Projekt im Porgy & Bess

Wien - "Ich würde nicht von einer heimlichen Liebe sprechen. Eher von einer heimlichen Ambivalenz." Dass Oskar Aichinger feuchte Augen bekommt, wenn er von seiner Beziehung zum Wienerlied spricht, kann man nicht behaupten. Schließlich gebe es, wiewohl er eine Trude Mally in "dudelnder" Aktion als "überirdisch" empfindet, doch "Unmengen von chauvinistischen Wienerliedern, die die Vergangenheit verklären oder von Autoritätsgläubigkeit sprechen."

Sogar in dem von Aichinger an sich geschätzten Klassiker Wann mi der Herrgott fragert ist da vom "Buckerl" die Rede, das man vorm himmlischen Boss macht, und von früheren Jahren als "die Zeit, die Zeit voll Glück." Nichtsdestotrotz wird Wann mi der Herrgott fragert im Rahmen eines Wean hean-Abends zu hören sein: ms franz hat Aichinger sein eigens für das Festival erstelltes Programm genannt, in dem er Zugänge zum Wienerlied über das Werk zweier ungleicher Nichtzeitgenossen sucht.

Der eine firmiert unter "Franz Schubert" als Kunstliederfürst und unter "Schubert Franzl" als Ahnherr des Wienerlieds; der Ruf des anderen, eines gewissen Franz Mika, dürfte zeit seines Lebens über den 10. Wiener Hieb kaum hinausgedrungen sein. "Mika, der 1963 gestorben ist, war eher ein Gstanzlsänger und -dichter", so Aichinger. "An ihm hat mich die völlige Absenz dieser Weinseligkeit und Todessehnsucht fasziniert: Stattdessen geht es da ganz proletarisch um Fleischhauer, und Hackler. Seine Texte weisen zudem oft eine sehr direkte Erotik auf, in denen immer wieder etwa ein ,daunig'spannter Paraplie' - als Sprachbild für den erigierten Penis - vorkommt."

Die Beschäftigung mit derlei Liedgut stellt für Aichinger kein Neuland dar. Schließlich hat dem 48-jährigen Oberösterreicher einst Sopransaxofonist Walter Malli, der das Vibrato der Dudlerinnen-Diva Maly Nagl mit jenem des Freejazzers Albert Ayler verglich, das Wienerlied nahe gebracht.

Einen Hakenschlag bedeutet das nunmehrige Programm dennoch: Schließlich ist Aichinger seit seinem CD-Debüt Poemia (1996) als introvertierter Improvisator sinnlich-abstrakter Stimmungsbilder bekannt. Um mit den letzten beiden Silberlingen akustische und digitale Klänge, konkrete Assoziationen und klangabstrakte Texturen in reizvoller Unaufdringlichkeit zusammen zu führen (To Touch A Distant Soul, Synapsis).

Aichinger sieht sich dabei gerne von der Vorstellungen eines Architekten geleitet: "Die Ziegel oder Heizungsrohre oder den Zement kennt jeder, jeder weiß auch um deren Funktionalität. Wenn ich das anders zusammenfüge als zu einem gewöhnlichen Haus, verwende ich zwar sehr wohl Bestandteile, die Assoziationen wecken, stelle sie aber in einen anderen Kontext - ich erfülle und enttäusche also gleichzeitig Erwartungshaltungen - das find' ich reizvoll." Womit wir wieder beim Wienerlied-Projekt gelandet wären: Schubert und Mika von improvisierender Warte aus betrachtet - das ist auch ein Zeichen der Zeit. Wie Aichinger das wiedererwachende Interesse am Wienerlied sieht, das nicht zuletzt im Wean hean-Festival des Wiener Volksliedwerks zum Ausdruck kommt?

"In fast allen Ländern gibt es eine Beziehung zwischen zeitgenössischer komponierter und Volksmusik, hier in Österreich hingegen nicht. Das sind die Folgen einer gewissen Entwurzelung, für das die Geschichte verantwortlich ist. Volksmusikfestivals wie Glatt & Verkehrt und Wean hean haben mit einer Sehnsucht zu tun, diese Sachen wieder ins Lot zu bringen. Was aus der heutigen Distanz zum Jahr 1945 leichter ist. Außerdem bringt das Aufgehen im vereinten Europa die Sehnsucht zurück, in dem überschaubaren Bereich, in dem man lebt, Identität zu spüren und zu finden."
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8.10.2004)

Von
Andreas Felber

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porgy.at

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