Schneller Schnitt alla milanese

20. Juli 2005, 14:46
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Mailand: Von der noblen Via Montenapoleone bis in die trashigen Industrieruinen ...

... verfolgte Robert Haidinger die coolsten Stücke der kommenden Saison


Die Chinesen sind auch heuer wieder hier, und die Carabinieri waren ohnehin nie weg. Aber die Chinesen haben ihre Verkaufsstrategie perfektioniert. Erstens wurde die Ware seit dem vergangenen Herbst erfolgreich redesignt. Oder sagen wir lieber: wurden die streichholzschachtelgroßen Autos mit ein paar Leuchtdioden aufgemotzt, was der gediegenen Eleganz der orangebraunen Mosaikböden von Mailands Galleria unerwartete Glitzer-Nuancen beschert. Es blinkt und zirpt nämlich unter der Kuppel der grandiosen Galleria Vittorio Emanuele II., wenn sich die ferngesteuerten Kleinwägen der Chinesen wie verrückt auf der Stelle drehen. Und das tun sie alle zehn Meter voneinander entfernt, wodurch sich mitunter eine blinkende Karawane zwischen Domplatz und Scala erstreckt.

Wer in Mailands Galleria nichts verkaufen muss, sondern bloß vorm langsam siechenden Schaumherzen seines Sechs-Euro-Cappuccinos im Café Biffi sitzt oder besser noch vor der Bar Zucca schräg vis-à-vis, kann solche inoffiziellen Facetten einer Shoppingmetropole miterleben: Kommen die Carabinieri in ihren schicken blauen Hemden herangewetzt, dann sprintet die Kette der Chinesen die Arkadengänge hinaus und hintenrum beim Dauergerüst der Scala vorbei wieder in die Galleria hinein.

Am besten "erspechtelt" man das "spettacolo" rund um die illegale Händler-Staffel und die atemlosen Gendarmen in der fußfreien ersten Reihe eines jener Cafés, die hier wie Kinoreihen aufgestellt werden. Mit Seitenblicken auf den aktuellen Siegeszug der spitzen Schuhe, die, im modischen Akkord, vielfältig gegen die Kacheln der Galleria klacken. Bloß: Wer damit so richtig knallen will, muss die guten Stücke vorher jagen gehen. Und das ist auch in Mailand eine Wissenschaft für sich. Weswegen wir die Galleria und erst recht den Domplatz jetzt eilig verlassen wollen.

Die Piazza del Duomo bleibt in Shopping-Summe nämlich die falsche Adresse, die geschulten Verkäufer des "Rinascente"-Kaufhauses mögen das verzeihen. Den feinen Hündchen und bulligen Chauffeuren, die im Senso-Unico-Irrgarten rund um die Via Montenapoleone ihre Ecken markieren, kann man da schon eher trauen. Dass hier, zwei, drei Blocks vom Domplatz entfernt, Geld (k)eine große Rolle spielt, ist der schillernden Warenwelt des "Goldenen Dreiecks" zwischen Via della Spiga, Via Sant' Andrea und Via Montenapoleone auf Anhieb anzusehen: Gleichmütig plätschert der Nil-Fluss aller Modeströmungen vor sich hin, Preisschild-Papyrus findet sich an seinen glänzenden Ufern keines.

Was vor sechzig Jahren noch die Hauptstraße einer verträumten und exklusiven Wohngegend war, ist heute eine der edelsten Einkaufsmeilen der Welt, zugleich das Basislager, von dem aus der Aufstieg der "Prét-à-porter"-Philosophie, der Kleidung von der Stange, in höhere Modegefilde gelang. Mailand, das in den Siebzigern zu einer führenden Modemetropole wurde, zeigt hier jeden Frühling und Herbst, was die Welt drei Monate später als letzten Schrei trägt.

Aber die Montenapoleone zeigt noch etwas mehr: Wer es nicht bis zu den großen Kunsttempeln der Stadt schafft, in die Pinacoteca di Brera oder ins Museo Poldi Pezzoli, und wer die aperitivi in Mailands trendigen Bussibussi-Tränken wie der neuen Bulgari-Bar auslassen muss, dem bleibt hier zumindest die Schaufenster-Ästhetik à la Trussardi, Armani oder Krizia.

An der Via Montenapoleone summieren sich die Kompositionen der Dekorateure nämlich zu einer Art Galeriegang - gestaltet von den besten Innenarchitekten der Welt. Vergoldet sind längst auch die Restbestände dieser feinsten Mailänder Straße: Rasiermesser mit Schildpatt- und Perlmuttgriffen, Trüffelhobel und Nussknacker funkeln in der alten Coltelleria Lorenzi.

Schräg gegenüber lockt die 1817 gegründete Konditorei Cova zur süßen Verschnaufpause unter grünem Stuck-Plafond. Im "Goldenen Dreieck" beginnt aber auch der weite Weg der modischen Ware mit dem schnellen Verfallsdatum. Bereits nach wenigen Wochen wandern die aktuellen Blusen, Jacketts und Röcke von den Luxus-Boutiquen zum "blocchista", der das gute Stück zunächst um fünfzig, bei Designer-Discountern wie "Il Salvagente" an der Via Fratelli Bronzetti zum Schlussverkauf im Jänner und Juli dann um weitere dreißig Prozent im Preis reduziert verhökert - ehe die letzten Reste aufs Stylisten-Endlager der Märkte weitergeschoben werden.

Die Viale Papiniano bei San Agostino ist so ein Platz, an dem man mit gutem Griff ein Zipfelchen Gucci in der Wühlkiste entdecken kann - wohl wissend, dass längst auch Mailands Modezaren und Design-Büros die Industrieruinen der Vorstädte für sich entdeckt haben: Armani etwa beauftragte den Star-Architekten Tadao Ando damit, die alte Nestlé-Fabrik an der nahen Porto Genova in ein "Mode-Theater" zu verwandeln.

Beim Bahnhof Porta Garibaldi soll gar eine "Città della moda" entstehen. Den Reiz des vorstädtischen Underdog-Milieus haben trotzdem schon andere Schneider für sich gebucht. Immerhin ist Mailand auch der Hafen der Kleiderpiraten, die weniger an Milanos lauschigen Navigli-Kanälen, dafür aber in zahlreichen kleinen Werkstätten die Trends kapern.

Der schnelle Schnitt, den die "prontisti", die Raubkopierer der Modewelt, dabei machen, lohnt sich so auch für die Kundschaft selbst. Das zwischen vergoldeten Label-Showrooms und trashigen Boutiquen-Biotopen - wie jenem am Corso di Porto Ticinese - changierende Shopping-Gewebe der Stadt hält nämlich auch solche Orientierungsfäden bereit. Buenos Aires heißt eine der besten Gegenden, wenn es um billige "prontisti"-Mode geht. Bis nach Südamerika muss man dabei aber nicht reisen. Es reichen auch ein paar Stationen mit der Metro-Linie drei. (Der Standard/rondo/8/10/2004)

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    Via Montenapoleone, die Adresse für nobles Shopping

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