Hightech bei Wotan

26. Dezember 2004, 22:23
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Richard Wagners "Rheingold" glänzte mit neuer Technologie beim Brucknerfest

Linz - Wie ein Insektenschwarm auf der Lauer saßen die Leute mit riesigen, 3-D-bebrillten Augen im Brucknersaal und starrten auf das potenzielle Opfer in Form von 850 Quadratmetern Projektionsfläche an der Front und an den Seitenwänden. Bis Dirigent Dennis Russell Davies auf die Bühne federte und ihnen erklärte, sie sähen doch eigentlich sehr hübsch aus, mit den Brillenungetümen.

Das brachte einige Entspannung. Dann aber nahm Russell Davies den Taktstock und startete das Orchester sowie die Arsbox des Ars Electronia Centers zum Abenteuer namens Rheingold - virtuell und ohne Pause, interaktiv im Echtzeitdialog zwischen der Musik und den teilweise live generierten Götterwelten.

Komponist Richard Wagner hätte gestaunt. Denn in den besten visuellen Momenten der Aufführung wäre er hineingesogen worden in seine eigene Ring des Nibelungen-Musik - etwa bei den Auf- und Abtritten der Riesen oder während Alberichs Fluch, als sich drohende virtuelle Schwingen über das Publikum legten.

Das Futurelab des AEC und Johannes Deutsch hatten jeder Figur der Oper ein Grundmuster zugeordnet, das dann, je nach Intensität des Gesangs, ein ausschließlich von den Computern errechnetes Eigenleben entfaltete. Die dadurch erzielte Synchronität war zeitweise verblüffend. In dieser Technologie steckt ohne Zweifel ein Potenzial, das an diesem Brucknerfest-Abend erst erahnt werden konnte.

Zum einen, weil die Formensprache zwischen Abstraktion und angedeuteten Realismen schwankte und insgesamt nicht gerade innovativ wirkte; zum anderen, weil - auch wegen des großen finanziellen und logistischen Aufwandes - aus der Technologie selbst selbst noch viel mehr herauszuholen sein wird. Doch ein erster Schritt ist immerhin getan, ein Schritt, der zweifellos neue Dimensionen eröffnet, ohne die alten Möglichkeiten des Theaters gleich ersetzen zu wollen. Musikalisch erzeugte Dirigent Dennis Russell Davies (der unlängst seinen Vertrag als Chef des Brucknerorchesters Linz bis 2014 verlängerte) zweieinhalb Stunden lang Hochspannung und Intensität am Stück, wobei ihm das Orchester nach anfänglichen Schwierigkeiten bestens zu Diensten stand.

Die Glanzlichter

Die Sänger: Gerd Grochowski präsentierte sich als klangschöner, ein wenig glatter Wotan, Robert Wörle als Loge. Der immer noch ausdrucksstarke Hartmut Welker (als Alberich) und Marjana Lipovsek (in der kurzen Szene der Erda) setzten die sängerischen Glanzlichter. Ein gewiss viel versprechender Kunstversuch, der vom durchmischten Publikum einhellig mit Jubel bedacht wurde. (DER STANDARD, Printausgabe, 29.9.2004)

Von
Reinhard Kannonier

brucknerhaus
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    Der erste Teil der "Ring"-Tetralogie von Meister Richard Wagner - in Linz multimedial verarbeitet.

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