Der König der Bastler

1. Oktober 2004, 21:06
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Der Münchner Thomas Demand verfremdet im Kunsthaus Bregenz optische Gemeinplätze

Bregenz - Beim ersten, flüchtigen Betrachten werden die Arbeiten von Thomas Demand für ganz normale Aufnahmen von Räumen oder Landschaften gehalten. Doch die Bilder irritieren: Die Oberflächen wirken eine Spur zu glatt. Die abgebildeten Gegenstände entsprechen nicht in allen Details den uns gewohnten Proportionen.

Erst wer genauer hinschaut, sieht die Fugen zwischen den Flächen, die knittrigen Kanten: Die Bilder offenbaren sich als perfekt ausgeleuchtete und fotografierte Papiermodelle. Man staunt und meint, den "Trick" des Künstlers durchschaut zu haben, da tut sich eine neue Irritation auf. Irgendwoher kennt man doch diese Sujets. Doch woher nur? Zum Beispiel zeigt eine seiner neueren Arbeiten eine Küche (Kitchen, 2004): ein Gasherd, unten rechts die Gasflasche, oben unabgewaschenes Geschirr mit Speiseresten, neben dem Abfalleimer liegen zerbrochene Eierschalen. Es ist dies das aus Pappe nachgebaute Versteck, aus dem heraus in diesem Frühjahr Saddam Hussein verhaftet wurde. Ein amerikanischer Soldat schoss diese Fototrophäe, ein oder zwei Tage lang wurde sie in fast allen Zeitungen gedruckt.

Geschichtsurbilder

Die meisten Ereignisse, die in den vergangenen Jahrzehnten weltweite Beachtung fanden, können durch je ein bis zwei Fotos repräsentiert werden, die wie ein Auslöser auf das kollektive Bewusstsein der Medienkonsumenten wirken. Das Foto von Uwe Barschel in der Badewanne, das Bild der geplünderten Stasi-Zentrale in Berlin, die Aufnahme der Überwachungskamera von einem der 9/11-Attentäter beim Sicherheitscheck im Flughafen - all das initiiert in uns einen Strom von Geschichten. Seit zehn Jahren sammelt nun Thomas Demand solche Zeitgeschichtsurbilder. Durch ihre Modulation verlieren sie jedoch an Wiedererkennungswert. Der Künstler bildet nicht gänzlich maßstabsgetreu nach, er klebt die Pappen gelegentlich auch ein wenig grob zusammen, vor allem aber operiert er die Menschen aus seinen Modellen. Der Terrorist Atta wird nicht nachgebaut, nur der ihn umgebende Raum (Gate, 2004).

Man meint die Bilder - déjà-vu-mäßig - schon einmal gesehen zu haben, meist vermag man sie aber nicht den historischen Ereignissen zuzuordnen.

Spiel mit Gewohntem

Das naturalistische Bild verliert durch seine massenhafte Reproduktion an künstlerischer Integrität. Thomas Demand lotet nun jene Grenze aus, die ein Klischee vom Kunstwerk scheidet.

Seine Arbeit Lichtung (2003) ist der Nachbau eines lauschigen Waldstücks, per Offsetdruck zur Fototapete gewandelt. Mit einer solchen Detailtreue wurde da Ästchen für Ästchen, Blatt für Blatt montiert, dass tatsächlich der Eindruck abgelichteter Realität entsteht. Man weiß, das ist gefälschte Natur, aber das Auge lässt sich überrumpeln.

Welche Schublade soll man da jetzt auftun: originäres Kunstwerk oder banale naturalistische Abbildung? Man tendiert zu Kunstwerk, eher aber, weil sich für diese Arbeiten handfeste Preise erlösen lassen, und weil sie im Kunsthaus Bregenz so aufwändig und perfekt präsentiert werden. Die Tapete beispielsweise klebt an einer frei von der Decke hängenden Betonwand in den Ausmaßen von circa 300 x 1000 x 20 Zentimetern. Ein tonnenschwerer Bezug auf Mies van der Rohes Entwurf eines "Museums für die Stadt" und gleichzeitig ein Verweis auf die KUB-Architektur von Peter Zumthor. (DER STANDARD, Printausgabe, 29.9.2004)

Von
Michael Heinzel

Kunsthaus Bregenz
Di-So, 10-18
Do 10-21 Uhr
Bis 7. 11.
  • Thomas Demands verfremdete optische Gemeinplatze: derzeit in Bregenz und auf der Biennale von Sao Paulo.
    foto: kub

    Thomas Demands verfremdete optische Gemeinplatze: derzeit in Bregenz und auf der Biennale von Sao Paulo.

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