Entdeckungen in der Nachbarschaft

24. September 2004, 12:05
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Mit "Collected Views From East Or West" startet die Generali Foundation einen Ausstellungszyklus zu verschiedenen Schwerpunkten ihrer Sammlung

Der erste Teil fokussiert osteuropäische Kunst der 60er- und 70er-Jahre.


Wien - Die Integration des ehemaligen Ostblocks in die Europäische Union stellt nicht nur für die Politik eine große Herausforderung dar; auch der westliche Kunstbetrieb lag im Umgang mit den künstlerischen Position aus dem Osten oft daneben. Bevorzugt wurden dort lang künstlerische Arbeiten präsentiert, die einen exotischen Blick auf die Länder jenseits des Eisernen Vorhangs ermöglichten, um dann in einer ähnlich problematischen Gegenbewegung die "Zukunft am Balkan" (Harald Szeemann) zu verorten.

Dass jetzt ein differenzierterer Umgang mit der Kunst Zentralosteuropas in die Gänge kommt, beweist die Ausstellung in der Generali Foundation, die parallele Entwicklungen der verschiedenen Kunstströmungen im Osten und im Westen aufzeigt, ohne die Differenzen zu negieren.

Der Programmatik des Hauses verpflichtet, steht die Kunst der 60er- und 70er-Jahre im Mittelpunkt der Schau, die überwiegend Aktionen, Happenings, Performances und Konzeptkunst von osteuropäischen Künstlern versammelt. Eingeteilt in die Bereiche "Fluxus und Happening", "utopische Architektur", "konzeptuelle Praktiken", "öffentlicher Raum" und "Performance", reihen sich in diese eher unbekannten künstlerischen Positionen aus dem Osten mit den Arbeiten von Dan Graham, Adrian Piper, Hans Hollein und Andrea Fraser westliche Künstler ein.

Die Parallelitäten, die sich da ergeben, sind oft verblüffend: Utopische Architektur, wie sie von Hollein bekannt ist, findet sich etwa in der Slowakei im Werk von Stano Filko wieder, der in der zweiten Hälfte der 60er ebenfalls pneumatische Skulpturen konstruierte; und die konzeptuellen Ansätze von Dan Graham oder Adrian Piper waren im Umfeld der Gorgona-Gruppe in Zagreb bereits in den frühen 60er-Jahren präsent.

Der polnische Künstler Jaroslaw Kozlowski realisierte ab 1972 in Warschau das Ausstellungsprojekt Metaphysics, Physics und Ics, für das die strukturalistischen Prinzipien - ähnlich wie im Werk von Adrian Piper - zentral sind; und im Zusammenhang mit der Performance Freeing the Voice von Marina Abramovic, in der die Künstlerin so lange schreit, bis sie ihre Stimme verliert, werden explizit feministische Ansätze vorgestellt.

Zu sehen ist dort auch die Dokumentation der Performance Triangle von Sanja Ivekovic (1979): Während einer Parade, die den Präsidenten Tito auch an ihrem Wohnhaus vorbeiführt, sitzt Ivekovic auf ihrem Balkon, trinkt Whisky, liest ein Buch und beginnt zu masturbieren. Von unten nicht sichtbar, weiß sie um den Wachposten auf dem Dach gegenüber. Nachdem sie diesen mit ihrer Aktion dazu bewegen konnte, seinen Kollegen auf der Straße zu informieren, endet die Performance, als Letzterer an der Wohnungstür klingelt und befiehlt, Objekte und Personen vom Balkon zu entfernen.

Aktionsräume

Die politischen Bezüge, die in allen Arbeiten da sind, werden dort am deutlichsten sichtbar, wo der öffentliche Raum zum künstlerischen Aktionsraum wird. Neben der Dokumentation von Jaroslaw Kozlowski, in der dieser Aufkleber mit dem Schriftzug Zone der Imagination (1970) in der ganzen Stadt verteilte, stellte Ewa Partum in ihrem Projekt Legalität des Raums (1970) den appellativen, aber auch normierenden Charakter von Verkehrsschildern mit absurden Abwandlungen wie "Alles verboten" infrage.

Anders als diese Projekte, die unweigerlich an die Aktionen von Valie Export und Peter Weibel erinnern, funktionieren hingegen die jüngeren Arbeiten von Andreja Kuluncic und Dalibor Martinis, die sich dezidiert auf die politischen und wirtschaftlichen Umbrüche im postsozialistischen Kroatien beziehen.

Dass zwischen der alten Polarisierung von Ost und West und den hier sichtbaren Parallelitäten noch andere Blickwinkel nötig sind, beweist etwa das Werk des slowakischen Künstlers Július Koller. Anhand seiner Universellen physisch-kulturellen Operationen (U.F.O.) kann letztlich auch ein altes Problem der Generali Foundation festgemacht werden, die (in der seriellen Präsentation hinter Glas) Arbeiten im Nachhinein ästhetisch vereinheitlicht. (DER STANDARD, Printausgabe, 18./19.9.2004)

Von
Christa Benzer

"Collected Views From East Or West"
@Generali Foundation
bis 19.12.
  • "J'ai perdu la fin!!!" - "Ich habe das Ende verloren!!!" (1969, s/w Fotografie, Foksal Gallery Foundation, Warschau). Der heuer verstorbene Künstler Edward Krasinski bei einer Verhedderungsaktion.
    foto: generali foundation

    "J'ai perdu la fin!!!" - "Ich habe das Ende verloren!!!" (1969, s/w Fotografie, Foksal Gallery Foundation, Warschau). Der heuer verstorbene Künstler Edward Krasinski bei einer Verhedderungsaktion.

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