Politik an der Wohnungstüre

16. September 2004, 14:32
5 Postings

Vorarlberger Wahlkämpfer suchen und finden den direkten Bürgerkontakt

Bregenz – Vorarlbergs Politikerinnen und Politiker demonstrieren Bürgernähe und besuchen Herrn und Frau Wähler daheim. Dabei entdecken sie das wirkliche Leben.

Landeshauptmann Herbert Sausgruber tourt seit Anfang August durch alle Talschaften Vorarlbergs. Eine Woche vor der Wahl verkündete ein VP- Inserat die Rekordmarke "19.000 direkte Bürgerkontakte".

Damit Herr und Frau Vorarlberger am kommenden Sonntag auch tatsächlich zur Wahl gehen und der VP wieder zu 18 Mandaten verhelfen, ist Klinkenputzen angesagt.

VP-Promis ziehen mit lokalen Vertrauensleuten von Haus zu Haus, um dann staunend festzustellen: "Die Besuche dauern länger als geplant. Die Leute wollen alle mit einem reden" (Landtagsvizeprä 2. Spalte sident Gebhard Halder). Bürgernähe sei für die Grünen nichts Neues, unkt da Landtagskandidat Bernd Bösch.

"Wir waren vor Jahren die Ersten, die zu den Leuten nach Hause gegangen sind", verweist der Lustenauer Vizebürgermeister auf grüne Kommunikationserfahrungen.

Bösch: "Wenn man dann sieht, wie Menschen in unserem Land wirklich leben müssen, ist das erschütternd. Diese Erfahrung gönn' ich den Regierenden."

"Näher zu den Menschen" heißt der Slogan der Sozialdemokraten. Elke Sader, Spitzenkandidatin und Ärztin, macht mit Genossinnen und Genossen landauf, landab Hausbesuche.

Wenn sie nicht gerade – wie alle anderen Parteien – auf irgendeinem Wochenmarkt oder in einer Fußgängerzone ihr Zelt aufgeschlagen hat.

10.000 "persönliche Bürgerkontakte" waren es mit Stand Dienstag vor der Wahl, Gespräche mit "Menschen, die nicht auf die Butterseite gefallen sind".

Aus den Begegnungen werden konkrete Forderungen abgeleitet. Beispielsweise jene nach einem Schulstartgeld für bedürftige Familien oder nach leistbaren Mietwohnungen. Der Bregenzer Bezirkskandidat und Stadtrat Michael Ritsch: "Es kann doch nicht sein, dass eine geförderte, 28 Jahre alte Vierzimmerwohnung 720 Euro brutto kostet."

Elke Sader will eine Clearingstelle für soziale Leistungen: "Wir werden immer wieder damit konfrontiert, dass gerade Pflegende von Amt zu Amt geschickt werden." Wer die Pflege zu Hause und damit das Ehrenamt propagiere, müsse die Pflegenden auch effektiv unterstützen, fordert Sader von der Landesregierung. Was Wahlwerber aller Gruppen vor allem bei Gesprächen mit Bürgerinnen hören ist, das alte Lied von der Kinderbetreuung.

Wo Ganztagsbetreuung noch eine Ausnahme ist und Dreijährige vom Kindergartenbesuch in der Regel ausgeschlossen sind, ist der Wunsch nach Verbesserung groß. Sader: "So lange sich die Rahmenbedingungen für berufstätige Mütter nicht ändern, kann man nicht von Chancengleichheit sprechen." (Jutta Berger/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15.9.2004)

Share if you care.