Luzide Unmöglichkeiten

14. September 2004, 15:25
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"Existência" von João Fiadeiro und "Otto" von Kinkaleri

Der Dokumentation näher als der Fiktion: Der portugiesische Ausnahmechoreograf João Fiadeiro und die viel gepriesene italienische Künstlergruppe Kinkaleri untersuchen die Realität.

Fiadeiros Existência beginnt mit einem Gespräch zwischen dem Choreografen und Rui Catalão, einem jungen Literaturkritiker der portugiesischen Tageszeitung Público. Der Dialog behandelt von Mal zu Mal verschiedene Themen (etwa Liebe, Freiheit oder Landstreicherei . . .). Mehrere Performer und Techniker sitzen auf der Bühne und hören zu, bevor sie in einer "Echtzeitkomposition", also ohne vorgegebenes Skript, zu agieren beginnen.

Jede Aufführung lebt von den Impulsen des Moments und ist im Prinzip unvorhersehbar: Alle Performances leben aber von Poesie und Provokationen, Kämpfen und Umarmungen und Sprachspielen. "Die Antworten zu allen Fragen liegen im Interpretierenden: der Person, die vortritt und anbietet, als Leinwand oder weißes Blatt Papier zu dienen, sodass der Zusehende zu imaginieren beginnen kann", erklärt Fiadeiro. Er selbst regelt das Geschehen mit analytischer Präzision, doch ohne Kommando. Performer und Publikum betreten in Existência gemeinsam imaginäre Räume des Unvorsehbaren.

Komik des Fallens Das italienische Künstlerkollektiv Kinkaleri versucht durch das Ausloten "luzider Unmöglichkeiten" Projekte zu entwickeln, die wie Fiadeiros Arbeiten weder einem großartigen performativen Akt noch der Kultur des Spektakulären entsprechen.

"Kinkaleri" ist das italienische Wort für Schnickschnack, den man auf dem Marktplatz bekommt: billige Ohrringe, Schulhefte, Plastikblumen, Schuhbänder, Plastikziegenköpfe. Seit Mitte der 90er-Jahre suchen die sechs Künstler der Performancetruppe immer wieder neue Orte und Formate für ihre eigenwilligen Projekte.

Im Rahmen der Eröffnungsreihe Gefühlsathletik macht Kinkaleri mit West in Wien Station (siehe S. 1). Kinkaleris Bühnenperformance Otto ist - ähnlich wie West - eine verunsichernde Studie über das Fallen, anders als West aber eine absurde und komische.

Drei Performer kommen nacheinander auf die Bühne und spielen Alltagssituationen nach, die mit einem Fall, einem Sturz enden - bizarr und berührend, irritierend und witzig. Die so radikalen wie poetischen Arbeiten von Kinkaleri und Fiadeiro erweisen sich als echte Alternativen zur Spaßkultur. (haitz/SPEZIAL/DER STANDARD, Printausgabe, 14.9.2004)

"Otto" im TQW/Halle G vom 21. bis 23. 10., 20.30
  • Übungen zum Thema Sturz: Kinkaleri in ihrer Performance "Otto".
    foto: kinkaleri

    Übungen zum Thema Sturz: Kinkaleri in ihrer Performance "Otto".

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