Moskauer Parlamentsausschuss untersucht Geiseldrama von Beslan

12. September 2004, 15:54
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Noch keine Hinweise auf arabische Täter - Nordossetische Volksvertretung wählte neuen Regierungschef

Moskau - Auch eine Woche nach dem blutigen Geiseldrama in Beslan hat sich der Verdacht Moskaus auf eine Beteiligung arabischer Terroristen nicht bestätigt. Sechs der 30 Kidnapper seien als Tschetschenen identifiziert worden, erklärten die Ermittler. Bei vier weiteren habe es sich um Inguschen gehandelt. Die Zahl der getöteten Geiseln stieg nach Angaben der Behörden in der Nacht zum Freitag auf 329.

Das russische Oberhaus werde einen Ausschuss zur Untersuchung der Vorfälle einsetzen, teilte der Sprecher der Parlamentskammer, Sergej Mironow, am Freitag mit. Obwohl Präsident Wladimir Putin eine öffentliche Untersuchung zunächst strikt ablehnte, stimmte er nun zu. "Wir sind sehr an einem vollständigen, objektiven Bild der tragischen Ereignisse interessiert", sagte er. Zwar steht das Oberhaus in der Regel hinter Putin, dennoch könnte die Kommission einen relativ unabhängigen Bericht verfassen.

Tranquilizer

Unterdessen verdichten sich die Hinweise, dass Moskau eine unabhängige Berichterstattung über die Geiselnahme massiv behinderte. So soll die georgische Journalistin Nana Laschawa von den Behörden mit Beruhigungsmitteln außer Gefecht gesetzt worden sein, nachdem sie vergangenen Freitag in Beslan eingetroffen war. "In ihrem Urin wurden Spuren von Tranquilizern entdeckt", sagte Gela Leschawa, Direktor eines medizinischen Forschungslabors in Tiflis. Die Journalistin hatte berichtet, sie habe in einer Arrestzelle Kaffee bekommen. Auch die bekannte russische Journalistin Anna Politkowskaja soll auf ihrem Flug nach Beslan vergiftete Getränke bekommen haben. Die Organisation Reporter ohne Grenzen fordert eine Untersuchung der Vorfälle.

Das nordossetische Parlament wählte am Freitag einen neuen Regierungschef. Der bisherige Transportminister Alan Boradsow werde die Regierung führen, meldete die Agentur Interfax aus Wladikawkas. Am Abend zuvor hatte der nordossetische Präsident Alexander Dsasochow die gesamte Regierung entlassen. Die lokalen Behörden waren wegen ihrer Versäumnisse bei der Tragödie mit mehr als 330 toten Kindern, Eltern und Lehrern in die Kritik geraten. Dsasochow wies Forderungen nach seinem eigenen Rücktritt zurück. (APA/AP)

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