Nachlese: Verzweiflung und viele Fragen

7. September 2004, 10:18
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Putin kündigt härtere Gangart an - Bis zu 1000 Tote und Verletzte - Staatstrauer in Russland

Verzweiflung hat ganz Russland erfasst. Kinder erzählen verstört, dass sie sich nicht mehr in die Schule trauen. Lehrer und Eltern fragen die viel zu wenigen Psychologen um Rat. Journalisten bitten um Teilnahme an einer Schweigeminute.

Am Montag und Dienstag herrscht offizielle Staatstrauer. Am Sonntag fanden in Beslan die ersten Begräbnisse statt. Davor hatte der Leiter des Inlandsgeheimdienstes FSB in Nordossetien, Waleri Andrejew, gesagt, was wie eine Verhöhnung der Opfer klingen musste. "Die Operation war erfolgreich."

Tatsächlich stand spätestens zwei Tage danach fest, dass es die größte Terrorkatastrophe nach dem 11. September 2001 war. An die 1000 Menschen wurden entweder getötet oder verletzt. Nach vorläufigen offiziellen Angaben starben 335 Geiseln, unter ihnen 159 Kinder. Andere Informationsquellen und Bergungsmannschaften gehen von bis zu 500 Toten aus.

Laut nordossetischem Bildungsministerium hatten sich 1181 Geiseln in der Schule befunden, offiziell sprach man die längste Zeit von 354.

Erschüttert über die unfassbare Tragödie diskutiert Russland den Hergang des Sturms auf die Schule. "Wir haben alle möglichen Varianten geprüft, aber keinen Gewaltangriff geplant. Die Ereignisse haben sich sehr schnell und unerwartet entwickelt", sagte Präsident Wladimir Putin in seiner Fernsehansprache am Samstag. Nordossetiens Präsident Alexander Dsasochow erklärte kryptisch, dass der Staat die ganze Wahrheit über das Geiseldrama sagen müsse.

Unklar ist, ob sich die Explosion, die zum Angriff führte, im Gebäude oder außerhalb ereignete. Jedenfalls begann der Sturmangriff, als gemäß Vereinbarung die zuvor getöteten Geiseln aus der Schule abtransportiert werden sollten. In der Turnhalle kam es daraufhin zu unvorstellbaren Szenen.

Der nordossetische Innenminister Kasbek Dsantijew reichte Sonntag seinen Rücktritt ein. Sein Ansuchen wurde aber nicht akzeptiert. Auch sonst gab es zunächst keine personellen Konsequenzen. Widersprüchlich blieben auch am Sonntag die Angaben über die Zahl der Terroristen und ihre Hintermänner. Offiziell werden Al-Kaida und der tschetschenische Rebellenführer Schamil Bassajew angegeben. Laut Einsatzstab wurden 26 getötet. Der Inlandsgeheimdienst FSB nennt 30, unter ihnen neun arabischer Herkunft und ein Schwarzer. Am Samstagnachmittag erklärte der Leiter des Einsatzstabes gegenüber der Agentur RBK, 36 tote Terroristen seien in der Schule gefunden worden. Nach vier weiteren Geiselnehmern werde in Beslan gesucht. Laut Innenministerium wurden drei Verdächtige gefasst, die ihre "Schuld" bereits einbekannt hätten.

Die Ermittler gehen davon aus, dass der Großteil der Waffen bereits während der Renovierungsarbeiten im Sommer ins Gebäude geschafft wurde. Spezialisten fanden 50 kg Sprengstoff in der Schule. Man vermutet Helfershelfer bei der Polizei.

Auch bei früheren Überfällen im Nordkaukasus hatten sich Armee, Polizei und Inlandsgeheimdienst oft als ineffizient erwiesen. Putin rief in seiner TV-Ansprache denn auch zu einem nationalen Kraftakt auf, erwähnte allerdings das Wort Tschetschenien nicht. Russland sei nicht auf die Gefahr vorbereitet gewesen. "Wir haben Schwäche gezeigt, und schwache Menschen werden geschlagen." Die Sicherheitsbehörden seien von Korruption durchsetzt, die Grenzen unzureichend geschützt. Konkret kündigte er die Neuordnung der Streitkräfte im Nordkaukasus und Maßnahmen zur Stärkung der Einheit im Land an.

Oppositionsvertreter erinnerten unterdessen an Putins Fehler in der Tschetschenienpolitik. Besonders wird eine Reorganisation der Geheimdienste und deren Kontrolle gefordert. (DER STANDARD, Printausgabe, 6.9.2004)

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    Vor der großteils zerstörten Turnhalle der Schule Nr. 1 in Beslan liegen Opfer des Geiseldramas zur Identifikation durch Angehörige.

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