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3. September 2004, 18:34
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"Hier stehe ich, ich kann nicht anders" war das unausgesprochene Motto von Bushs Acceptance-Speech - Von Christoph Winder

Je ne regrette rien: Diese Worte, welche der britische Economist in der vergangenen Woche gemeinsam mit einem George-W.-Bush-Foto auf sein Cover gehoben hat, treffen exakt den Punkt. Wer geglaubt und gehofft hat, der umstrittene US-Präsident werde aus den Fehlern seiner ersten vier Jahre die Lehren ziehen und auf dem Konvent in New York die eine oder andere Adjustierung seiner politischen Grundlinien ankündigen, der ist am Donnerstag eines Besseren belehrt worden.

"Hier stehe ich, ich kann nicht anders" war das unausgesprochene Motto von Bushs Acceptance-Speech. Das Hoffen auf den Kurswechsel ist bloßes europäisches Wunschdenken. Wenn Bush wieder gewählt wird, heißt das vier Jahre "More of the same". Das hartnäckige Beharren, vor allem das auf einer überaus kontroversiellen Außenpolitik, hat mehrere Gründe. Zum einen kann es sich Bush nicht leisten, knapp vor der Wahl dramatische Fehler wie etwa die mangelhafte Nachkriegsplanung im Irak einzugestehen. Alles, was da schief gelaufen ist, wurde mit hehren Beschwörungen abstrakter Ideale (eine sicherere Welt, Verbreitung der Freiheit etc.) zugekleistert.

Unfaire Angriffe auf Kerry

Bush war aber offenkundig auch bemüht, mit seiner laut ausposaunten Prinzipientreue (die oft davon ablenkt, dass die US- Politik auch ihre flexiblen Momente hat) einen möglichst ausgeprägten Gegenpol zu John Kerry darzustellen. Die unablässigen, oft unfairen Angriffe auf Kerry, der bis zum Exzess als prinzipienloser Wendehals gebrandmarkt wurde, zählten zu den unangenehmsten Features dieses Parteitags.

Deutlich vernehmbar in Bushs Rede waren auch die rechten gesellschaftspolitischen Töne (gegen Abtreibung und Homo-Ehe) - das Risiko, damit ein paar gemäßigte Wähler der Mitte zu verprellen, schien den Wahlstrategen offenbar weniger gravierend als die Hoffnung, einen konservativen Wählerkern noch fester an die Republikaner zu binden.

Coaches leisteten ganze Arbeit

Erstaunlich war, mit welcher Festigkeit und Perfektion der Mann, der sein Programm beim Parteitag im Jahr 2000 in Philadelphia auf eine fast schon peinliche Weise dahergestammelt hatte, seine Anliegen heute über die Bühne bringt: Seine Coaches haben ganze Arbeit geleistet. Nicht zur Sprache kam, dass die ideologischen Frontlinien in der amerikanischen Gesellschaft so scharf sind wie nie zuvor, dass Bush ein Rekorddefizit zu verantworten hat, dass er - wie schon sein Vorbild Ronald Reagan - die US-Bürokratie zu Rekordgröße aufgebläht hat. Ob auch die Wähler der Ansicht sind, dass sich diese Fehler so einfach aus der Welt reden lassen, wird sich demnächst weisen. (DER STANDARD, Printausgabe 4./5.9.2004)

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    Das Hoffen auf den Kurswechsel ist bloßes europäisches Wunschdenken. Wenn Bush wieder gewählt wird, heißt das vier Jahre "More of the same".

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