Leben mit Geweben von Toten: Spitzenmedizin in Österreich

6. September 2004, 11:30
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Bei Transplantationen steht Österreich an der Weltspitze - dennoch fehlen Organspender

Wien - Österreich habe sich bei Transplantationen "international einen Platz im Spitzenfeld erarbeitet", stellte der Tiroler Raimund Margreiter, der 1983 an der Innsbrucker Uniklinik die erste Herzverpflanzung in Österreich durchgeführt hatte, Donnerstag in Wien fest. Der Mediziner ist Präsident des 20. Internationalen Transplantationskongresses, zu dem ab Montag rund 4000 Experten aus aller Welt in Wien erwartet werden.

Die präsentierten Zahlen - mehr als 13.000 Transplantationen wurden bisher in Österreich durchgeführt - belegen den Spitzenplatz: Mit insgesamt 24 Organspendern pro Million Einwohner liegt Österreich hinter Spanien (33) auf Platz zwei, gefolgt von den USA (21) und Frankreich (20).

Auch bei den durchgeführten Transplantationen pro Million Einwohner liegt Österreich vorne: Mit 46 Nieren von toten Spendern ebenfalls hinter Spanien (49). Auf Platz drei und vier folgen Frankreich (37) und Italien (27). Und mit 10,8 Lungentransplantationen pro Million Einwohner ist Österreich weltweit führend - zum Vergleich: Deutschland zählt 2,3 solcher Eingriffe. Auch bei der Transplantation von Gliedmaßen - im März 2000 erhielt etwa Rohrbombenopfer Theo Kelz neue Unterarme, der weltweit zweite derartige Eingriff - liegt Österreich mit bisher vier solcher Operationen ganz vorne.

Organspender fehlen

Dennoch, klagten Margreiter und Kongressvizepräsident Ferdinand Mühlbacher von der Wiener Uniklinik, fehlten Organspender. Ein Beispiel: Derzeit warteten etwa 1000 Nierenpatienten auf ein neues Organ, pro Jahr erlebten etwa 100 die Transplantation nicht mehr.

Wie dieses Manko zu beheben ist, wird ebenso Thema des Kongresses sein wie etwa die Verminderung von Abstoßungsreaktionen. Diese geschieht bisher durch medikamentöse Unterdrückung des Immunsystems der Organempfänger, wodurch sie jedoch ein erhöhtes Infektions-und Krebsrisiko haben.

Jüngste Forschungen zielen nun darauf ab, das Immunsystem zu überlisten. Etwa durch gleichzeitige Transplantation von Knochenmarkzellen des Spenders, die den Abwehrzellen die Information, was fremdes und was eigenes Gewebe ist, geben. Bei Mäusen funktioniert es bereits.

Die weltweit erste "erfolgreiche" Transplantation eines Organs, das zumindest fünf Tage lang funktionierte, fand übrigens auch in Wien statt: 1902 verpflanzte der Wiener Chirurg Emerich Ullman die Niere eines Hundes. (fei, DER STANDARD, Print, 3.9.2004)

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    Bei Transplantationen gehört Österreich zu den führenden Nationen. Bei Organen wie bei Gliedmaßen. Im Bild: eine der beiden neuen Hände von Bombenopfer Theo Kelz.

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