Kosten lassen

18. September 2004, 11:31
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++PRO & Contra --: Die erbitterte Verteidigung der Futterreviere - Es folgen Wortgefecht und abschließendes Stillschweigen.

+++Pro
Von Doris Priesching

Sicher, es ist schon so, wie Bert Brecht wusste: "Erstens, vergeßt nicht, kommt das Fressen, zweitens kommt der Liebesakt" - und zwar genau in der Reihenfolge.

Nur: Gibt es Erbärmlicheres, als einem, nach eigenem Bekunden in Liebe zugetanem Paar bei der erbitterten Verteidigung ohnehin üppig ausgestatteter Futterreviere zuzuschauen? Zumal es immer dasselbe Elend hat: Beim Aperitif ist noch alles bestens, man unterhält und entspannt sich und frohlockt dem Mahl. Dann kommt Suppe oder Vorspeise, mit ihr die bewusste (sprechen wir es offen aus: meistens von ihr gestellte) Frage und die (meistens von ihm) hingezischelte Abfuhr: "Bestell dir selber was!" Schlimmstenfalls umklammert der Revierverteidiger das Teller noch mit schützender Hand, damit man auch nur ja nichts abkriegt. Es folgen Wortgefecht und abschließendes Stillschweigen. Und die Zuschauer? Lachen höflich, obwohl das in Wirklichkeit alles andere als amüsant ist.

Nebenbei: Es gibt nervigere Angewohnheiten. Dieses epidemieartig um sich greifende, völlig idiotische "Waaßt, wos i maan?" etwa, welches vorzugsweise in östlichen Bundesländern verwendet wird, um einer Erklärung besonderen Nachdruck zu verleihen. Oder das unsägliche "Sans liab?", wenn man "Ein bisschen plötzlich!" meint. "Darf ich kosten?" bekundet hingegen ehrliches Interesse am anderen, und ist letztlich eine Frage vorausschauender Beziehungsarbeit: Gar keine Frage, dass den Revierverteidiger bei der nächst besten Gelegenheit ein klares "njet" erwartet.

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---Contra
von Ljubisa Tosic

Geben ist seliger als Schlemmen. Eigentum ist Diebstahl. Sicher. Deswegen kriegen die wirklich Bedürftigen von uns jederzeit einen vollen Teller spendiert. Das Prinzip "Kosten" jedoch führt bei uns unweigerlich zu sehr übler Laune. Besonders übel wird sie, wenn das Ansinnen von Süchtigen vorgetragen wird, die auch die Weight Watchers in Verzweiflung gestürzt haben. Oder von jenen Unentschlossenen, den unersättlich Neugierigen, die Stunden über einer Speisekarte brüten, und sich dennoch nicht konsequent an ihre Entscheidung halten können. Oder die Sparsamen. Und erst recht die Liebesbeweissucher. Die Liebe teilt doch alles - auch den Teller. Kein Wunder diese Scheidungsraten. Das letzte Refugium eines Individuums ist sein Teller. Dort liegen die letzten wahren Abenteuer. In dieses Reich einzutreten, heißt, die letzten Reservate ungestörten Genusses unbefugt zu betreten, das Liebesspiel mit Messer und Gabel, die Jagd nach Köstlichkeiten zu stören, sich zwischen Subjekt und Objekt zu drängen - und so etwas kann nicht akzeptiert werden.

Die Mahlzeit ist kein flotter Dreier. Der Teller nicht Ort von gastronomischem Massensex, sondern ein Königreich der Monogamie. Wenn Zusammenleben noch irgendwie funktionieren soll, muss vor diesem Einbruch in die Intimsphäre gewarnt werden. Wir laden auf alles gerne ein. Bestellt auf unsere Kosten. Aber Finger weg vom Tellerreich der Mitbürger. Es soll natürlich auch solche gegeben haben, die unter der Umgehung der Frage, ob sie auch dürfen, zugegriffen haben. Doch das ist eine ganz andere, sehr blutige Geschichte . . . (Der Standard/rondo/3/09/2004)

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