Milosevic: Verfahren vor Kriegsverbrecher-Tribunal sei "reine Farce"

2. September 2004, 12:19
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Früherer Belgrader Machthaber beendet Plädoyer mit Angriffen auf Anklage - Verantwortung für Balkankriege zurückgewiesen

Den Haag - Als "reine Farce" hat der vor dem UNO-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag angeklagte frühere jugoslawische Präsident Slobodan Milosevic am Mittwoch das Gerichtsverfahren gegen ihn bezeichnet. Milosevic ist wegen Völkermords, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen während der Balkan-Kriege in den 90er Jahren angeklagt. Zum Abschluss seiner zweitägigen Verteidigungseröffnung sagte der frühere Politiker in Den Haag, die 66 gegen ihn vorgebrachten Anklagepunkte seien gesetzeswidrig.

Vorwürfe gegen ihn seien skrupellose Manipulationen und Lügen

Er brandmarkte die Vorwürfe als skrupellose Manipulationen und Lügen. Serbiens größter Wunsch sei Frieden gewesen, sagte Milosevic und hielt anderen Volksgruppen vor, den Krieg vorangetrieben zu haben. Die Serben seien gezwungen worden, sich in Bosnien 1992 bis 1995 in einem moslemischen "Heiligen Krieg" und in Kroatien 1991 bis 1995 gegen Angriffe kroatischer Nationalisten zu verteidigen. Es gebe außerdem keine Hinweise auf serbische Verbrechen 1999 im Kosovo.

"Wegen der Art und der Inhalte dieser falschen Anschuldigungen ist (dieses Verfahren) zu einer einfachen und reinen Farce geworden. Allerdings sind die Geldbeträge nicht unbedeutend. Also ist es keine billige Farce", griff Milosevic das Gericht an. Sein im Februar 2002 eröffnetes Verfahren ist bislang das wichtigste des UN-Tribunals, das über ein jährliches Budget von mehr als 270 Millionen Dollar verfügt. Der gelernte Jurist Milosevic hat das Gericht nicht anerkannt und sich dafür entschieden, sich selbst zu verteidigen.

Am Dienstag begann Milosevic mit seiner Verteidigung

Die Ankläger fordern dagegen vom Gericht, Milosevic Pflichtverteidiger zu stellen. Der Serbe hatte nach langer Verzögerung am Dienstag mit seiner Verteidigung begonnen. Zuvor hatte er aus gesundheitlichen Gründen immer wieder eine Vertagung des Gerichts erreicht.

Die ersten Zeugen der Verteidigung werden voraussichtlich in der kommenden Woche aufgerufen. Insgesamt will Milosevic in den ihm eingeräumten 150 Tagen mehr als 1000 Zeugen befragen lassen, darunter den britischen Premierminister Tony Blair und den früheren US-Präsidenten Bill Clinton. Die Anklage hatte bis Februar 290 Zeugen befragt. Die Richter streben an, den Prozess bis Oktober 2005 zu beenden. Milosevic hat es abgelehnt, sich konkret gegen die Anklagepunkte zu verteidigen. Ein Antrag auf Nicht-Schuldigkeit wurde in seinem Namen eingereicht. ((APA/AP/Reuters)

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