Konspiration überall

7. September 2004, 19:28
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Die uneinsichtige Sturheit von Milosevic überrascht immer wieder - Von Gerhard Plott

Slobodan Milosevic hat der restlichen Welt wieder einmal die Leviten gelesen. Eine finstere Allianz aus Vatikan, Deutschland, EU und den USA hätte sein multikulturelles, multikonfessionelles Jugoslawien zerschlagen, wetterte der Expräsident zum Auftakt seiner Verteidigung vor dem UN-Tribunal in Den Haag. Alle anderen seien schuld am Krieg, nur nicht er, tönte der ausgebildete Jurist, der seine Verteidigung selbst übernommen hat, und ortete eine allumfassende Verschwörung gegen Jugoslawien im Allgemeinen und ihn im Speziellen.

Nun konnte zwar niemand annehmen, dass Milosevic in der Untersuchungshaft so etwas wie Schuldbewusstsein oder gar Reue entwickelt habe, trotzdem überrascht die uneinsichtige Sturheit des Despoten außer Dienst immer wieder. Er will offenbar nicht verstehen, dass es in der Verhandlung nicht um die Schuld am Krieg, sondern um die Schuld im Krieg geht. 150 Verhandlungstage lang darf er nun seine Sicht der Dinge präsentieren und Konspirationen beklagen. Mehr als 1400 Zeugen will Milosevic für seine Verteidigung vorladen und stellt somit den schon jetzt extrem mühsamen Prozess auf eine Zerreißprobe.

Kann Milosevic das Verfahren verschleppen, hätte das fatale Folgen für die internationale Strafjustiz, die ohnehin noch in den Kinderschuhen steckt. Kriegsverbrecher könnten künftig ruhiger schlafen. Mitschuld daran sind aber auch die Richter in Den Haag und Chefanklägerin Carla del Ponte. Sie haben den Prozess mit 66 Anklagepunkten überfrachtet: Verbrechen aus drei Balkankriegen wurden hineingepresst, anstatt sich auf den Kosovo-Konflikt zu konzentrieren, wo Milosevi´c mit Paragrafen am leichtesten zu packen gewesen wäre. Nun kann der Expräsident in alter serbischer Tradition wortgewaltig den Märtyrer geben. Mit Wahrheitsfindung hat das freilich nichts zu tun. (DER STANDARD, Printausgabe, 1.9.2004)

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