"Eine Frotzelei höchster Klasse"

10. September 2004, 12:07
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Die Grünen orten bei der Bestellung von Schuldirektoren Behördenwillkür- Stadtschulrat und ÖVP halten die Kritik für "völligen Blödsinn" und "realitätsfremd"

"Pure Behördenwillkür" und "parteipolitische Einflussnahme der roten und schwarzen Lehrervereine und Gewerkschaften" vermutet die Schulsprecherin der Wiener Grünen, Susanne Jerusalem, anlässlich der jüngsten Direktorenbestellungen des Stadtschulrats. Bei einem Pressegespräch am Dienstag schickte sie aber gleich eines vorweg: Das dabei verwendete Modell sei "wasserdicht" - "man kann die Dinge dabei immer so drehen, dass der gewählte Kandidat irgendwie der Beste ist". Das Verfahren zur Direktorenbestellung sei aber absolut inakzeptabel, weil stets "rote" und "schwarze" Abteilungsleiter, Direktoren oder Inspektoren die Mehrheit hätten.

Wunschkandidaten und Kandidatenwünsche

Als Beispiele führte Jerusalem die am Montag im Kollegium vorgenommenen Bestellungen an den Hauptschulen an. "Höhepunkte": In der Anton-Baumgartner-Straße in Liesing wäre etwa die Wunschkandidatin der Schule nicht zum Zug gekommen, obwohl diese im Auswahlverfahren sehr gut abgeschnitten habe - so gut, dass sie an einer anderen Schule Direktorin wurde (wo sie nicht Wunschkandidatin war): "Eine Frotzelei höchster Klasse", so Jerusalem. In der Selzergasse in Rudolfsheim-Fünfhaus wiederum sei eine Direktorin ernannt worden, gegen die sich die Schule explizit ausgesprochen habe: "Da ist die Ätsch-Fraktion am Werk gewesen." Und in der Neubaugasse sei die Wunschkandidatin und interimistische Leiterin nicht zum Zug gekommen, obwohl sie im Assessment besser bewertet worden sei als die künftige Direktorin.

Vier-Säulen-Modell

Das Modell der Direktoren-Auswahl beruht in Wien auf vier Säulen: Zunächst bewertet der jeweilige Abteilungsleiter im Stadtschulrat die Bewerbungsunterlagen. Dann erstellen andere Direktoren bzw. Schulinspektoren Gutachten. Die dritte Säule ist ein Computertest, und schließlich gibt es ein Assessment-Verfahren. Haken bei letzterem laut Jerusalem: Auch in diesem haben Direktoren und Inspektoren die Mehrheit gegenüber Personalberatern und Schulpartnern. Die abschließende Reihung für den Dreiervorschlag erstellt wieder der Abteilungsleiter, die endgültige Direktorenkür nimmt das nach den Mehrheitsverhältnissen der Gemeinderatswahlen zusammengesetzte Stadtschulratskollegium vor. Clou bei der Sache: Sowohl Abteilungsleiter als auch Direktoren und Inspektoren sind parteipolitisch SPÖ oder ÖVP zurechenbar, so Jerusalem.

Offenkundig ungeeignet

Auch offenkundig ungeeignete Kandidaten würden durchgedrückt: So sei eine Kandidatin, die sich an mehreren Hauptschulen beworben habe, beim ersten Assessment letztgereiht worden, weil sie nahezu keine Anforderungen erfüllt habe. Im zweiten Verfahren für die nächste Schule wäre sie immerhin an der vorletzten Stelle gelandet, und beim Assessment für die dritte Schule sei sie plötzlich so gut gewesen, dass sie zur Direktorin ernannt worden sei.

Jerusalem folgert daraus, dass das Assessment-Verfahren in der derzeitigen Form ungeeignet ist und ausschließlich von Personalberatern durchgeführt werden müsse. Außerdem will sie das Verfahren umdrehen: Die Behörde solle nach dem neuen Assessment den Schulen drei Kandidaten vorschlagen, aus denen diese dann auswählen könnten. Die Bestätigung durch das Kollegium sei dann nur mehr ein Pro-Forma-Angelegenheit.

Keine Volksabstimmung in der Schule

Für "völligen Blödsinn" hält die Wiener Stadtschulratspräsidentin Susanne Brandsteidl (S) die Kritik der Grünen an den Direktorenbestellungen. Sämtliche Beschlüsse seien im Kollegium - bei dem die Grünen nicht anwesend waren - einstimmig getroffen worden. Die Vorwürfe von Susanne Jerusalem seien eine "Desavouierung der weisungsfreien Mitglieder " des Gremiums, so Brandsteidl gegenüber der APA.

Das von den Grünen kritisierte Assessment-Verfahren werde von einer Personalberatung geleitet und sei damit außer Haus gegeben, wie dies Jerusalem gefordert habe. Bei der Letztentscheidung über die Besetzungen versuche man natürlich, die Wünsche der Schulen zu berücksichtigen - allerdings könne sich die Schule "ihren" Direktor nicht aussuchen: "Die politische und pädagogische Verantwortung dafür trägt der Stadtschulrat", so Brandsteidl. "Ein objektiviertes Verfahren ist keine Volksabstimmung an der Schule." Trotzdem kämen in etwa drei Viertel der Fälle die "Wunschkandidaten" der Schulen zum Zug - auch bei den Bestellungen gestern, Montag, sei diese Zahl über alle Schulformen gerechnet in etwa erreicht worden.

Pädagogische Gesichtspunkte

Bei dem von den Grünen zitierten Fall in der Anton-Baumgartner-Straße (wo eine "Wunsch"-Direktorin nicht zum Zug kam und stattdessen an einer anderen Schule Direktorin wurde) habe sich die Kandidatin an zwei Schulen beworben und sei in beiden Vorschlägen erstgereiht gewesen. In diesem Fall müsse der zuständige Abteilungsleiter nach pädagogischen Gesichtspunkten entscheiden, für welche Schule sie am geeignetsten wäre.

Der Bildungssprecher der ÖVP Wien, LAbg. Walter Strobl, kritisierte als Reaktion auf die heutige Pressekonferenz der Grünen diese als demokratiepolitische Grenzgänger, die es mit der Wahrheit nicht sehr genau nähmen. So seien alle Beschlüsse im Kollegium des Stadtschulrates zuletzt einstimmig erfolgt.

"Einfallslos und realitätsfremd"

"Tatsache ist, dass die Grünen weder an Sitzungen des Kollegiums, meist aber auch nicht an den Sitzungen der Personalkommission, teilnehmen. Gleichzeitig wollen sie danach alles in Frage stellen. Mit dieser Nichtpolitik haben sie wieder einmal bewiesen, dass sie weder zu konstruktiver Politik imstande sind, noch besondere Ideen zur Weiterentwicklung des Objektivierungsverfahrens entwickeln können. Mit einem Wort, die Grünen in Wien sind einfallslos, realitätsfremd und versuchen bestenfalls mit Unwahrheiten krampfhaft aufzufallen", betonte Strobl.

Matias Meißner, Pressesprecher im Stadtschulrat, findet ähnliche Worte: "Das von den Grünen favorisierte Modell macht für mich einen sehr rätedemokratischen Eindruck. Und das hat schon in der Sowjetunion nicht funktioniert". (apa/az)

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