"Bush ist der Terrorist"

1. September 2004, 19:08
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Heftige Proteste begleiten den Parteitag der Republikaner in New York City, der George Bushs Kandidatur bestätigen soll

"Who is the terrorist?" ("Wer ist der Terrorist?"), erkundigt sich der schlaksige junge Mann, mit hochrotem Gesicht in sein Megafon brüllend, bei der erhitzten Menge.

Die bleibt ihm die Antwort keinen Augenblick schuldig: "Bush is the terrorist! Bush is the terrorist!" Der Schlaksige freut sich und erkundigt sich umgehend weiter: "Who is the corporate whore?" ("Wer ist die Nutte der Konzerne?")

Die Menge weiß abermals Bescheid. "Bush is the corporate whore! Bush is the corporate whore!", röhrt es aus der schwitzenden, bunten Menschenmasse, die sich auf der am Mittag ungemütlich warmen 7th Avenue langsam, lautstark und von Hunderten Cops hinter den Absperrungen beäugt Richtung Madison Square Garden emporwälzt. Herzlich willkommen zum republikanischen Nominierungsparteitag in New York City, Herr Präsident!

Kein Wunder, dass die New Yorker emotional werden und an jedem Tag dieser Woche aus Leibeskräften gegen die Republikaner und Bush im Besonderen demonstrieren werden. Die Idee, die Convention just in New York City abzuhalten, ist so skurril, wie wenn die Wiener SPÖ ihren nächsten Maiaufmarsch in Mariazell veranstalten wollte.

Die Republikaner haben zwar einiges getan, um ihre reaktionärsten Regungen zu tarnen. Am Montag sprechen mit Exbürgermeister Rudy Giuliani und Senator John McCain zwei Vertreter des liberalen Parteiflügels zur Eröffnung.

Aber zwei liberale Aushängeschilder täuschen nicht darüber hinweg, dass die Partei sonst solide rechts steht. Durch diesen fadenscheinigen Trick lassen sich die demokratischen New Yorker nicht hinters Licht führen.

Die New York Times hat die als Parteitagsdelegierten fungierenden Landpomeranzen aus dem Mittleren Westen mit der ätzendsten Herablassung, zu der Großstädter fähig sind, willkommen geheißen.

Ihren Hohn artikuliert sie in Form guter Ratschläge an die Zugereisten: "Zehn Fakten, an denen sie erkennen, dass sie nicht mehr in Kansas sind. (...) Punkt Sieben: New York ist immer noch eine Stadt, die niemals schläft."

Je näher der kilometerlange Demonstrationszug – laut den Organisatoren geht die Zahl der Protestierenden in die Hunderttausende – dem Madison Square Garden kommt, desto turbulenter geht es zu.

"Wählt Bush ab!", "Stoppt den Krieg!", "Bush nach Abu Ghraib!", "Bush, hau ab!", steht auf Plakaten, T-Shirts, nackten Oberkörpern. Bush- Puppen mit langen Pinocchio- Nasen werden in die Höhe gehalten.

Eine junge Schwarze hat den Schriftzug "Massenverführungswaffen" ("Weapons of Mass Seduction") auf ihrem opulenten Busen stehen, und auch sonst gibt es neben Lesben und Schwulen, Peaceniks, Abtreibungsbefürwortern und Michael Moore noch allerlei, was einem guten Christen aus dem Mittleren Westen die Schamröte ins Gesicht treibt.

Mit dabei etwa die "Nachtklubveteranen für die Wahrheit" sowie die "Ärsche des Bösen" ("Asses of Evil"), drei als Bush, Donald Rumsfeld und Dick Cheney verkleidete Herren. Die Pfiffe und Buhrufe werden lauter, ohrenbetäubend laut, und ein Meer von Stinkefingern reckt sich dem Madison Square Garden und dem gegenüberliegenden Pennsylvania Hotel entgegen. Shame on you, Mister Bush!

Die republikanischen Delegierten im Pennsylvania Hotel nehmen den Aufruhr teils stoisch, teils indigniert zur Kenntnis. Aus dem Mini-TV im Fahrstuhl erfährt eine Delegiertengruppe von drei etwas älteren Herren und einer silberhaarigen Dame, die eine Bluse in den Farben der Nationalflagge trägt, was John Kerry in den kommenden Tagen zu tun gedenkt: Der Demokrat wird ein "low profile" wahren und sich nicht in der Öffentlichkeit zu Wort melden.

"Das wird auch das Beste sein", sagt die Stars-and-Stripes-Dame giftig und entschwindet mit ihren Begleitern durch die Lifttür in die von gedämpftem Protestlärm erfüllte Lobby. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30.8.2004)

Christoph Winder aus New York
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    Demonstranten schrien, Polizisten brüllten zurück: eine Straßenräumung in New York.

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