Mehr Forschung und Risiko in Seibersdorf

9. September 2004, 13:39
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"Aufrüstung" um 41 Millionen Euro

Alpbach - Die Austrian Research Centers (ARC), Österreichs größte außeruniversitäre Forschungsgruppe, verstärken nicht nur ihre Forschungstätigkeit, sondern auch das Risiko. Die 41 Millionen Euro, die die Seibersdorfer binnen drei Jahren in ihre technologische Offensive stecken, fließen nämlich nicht im Auftrag von Unternehmen (Auftragsforschung), sondern auf eigenes Risiko.

Aus acht Projekten wurden vier ausgewählt, die über großes Zukunftspotenzial verfügen und daher bis zur Anwendungsreife geführt werden, kündigten die beiden ARC-Geschäftsführer Erich Gornik und Helmut Krünes an.

"Vision System-on-Chip"

Das riskanteste ist laut "Vision System-on-Chip", ein Acht-Millionen-Euro-Projekt im Bereich Bilderkennung, das bisher voneinander getrennte Einzelkomponenten wie Kamera, Laser-Scans, etc. auf einem Chip zu integrieren versucht. Damit soll die Verarbeitungsgeschwindigkeit um den Faktor 100 gesteigert werden. Gornik erwartet dafür breite Anwendungsmöglichkeiten, etwa für Sicherheitssysteme oder das "selbstfahrende" Auto. Das Risiko sei ein doppeltes, weil hier extremer Wettbewerb herrsche und die Gefahr bestehe, überholt zu werden, räumte Gornik ein.

Die drei anderen Projekte betreffen "embedded Systems", also die Vernetzung der Computerchips im Auto zwecks Erhöhung der Energieeffizienz zu erhöhen (9,7 Mio. Euro), die Entwicklung neuer Leichtmetall-Verbundstoffe (6,5 Mio. Euro) und Diagnostikchips zur Tumorerkennung oder zur Dopingkontrolle (8,8 Mio. Euro).

Finanzierung

Das Geld für diese Offensive, die die Forschungstätigkeit der Seibersdorfer binnen drei Jahren um rund 20 Prozent erhöht, kommt wie berichtet zum Teil aus den ARC-Reserven (26 Mio. Euro) und der neuen Forschungsstiftung (6,5 Mio. Euro). Der Rest auf 41 Mio. Euro geht in die Querschnittsmaterie Nanotechnologie.

Die dadurch induzierten 70 bis 80 neuen Jobs entstehen fast ausschließlich bei der ARC-Tochter Seibersdorf Research. Deren neuer Geschäftsführer Konrad Freyborn, sieht diese Zahl als "absolute Untergrenze", es würden wahrscheinlich bis zu 100 neue wissenschaftliche Mitarbeiter angeheuert.

Dass die Einrichtung mit der 20-prozentigen Personalsteigerung überfordert würde, glaubt Freyborn nicht: "Ich habe schon viel größere Unternehmen gemanagt." Im Haus sei ausreichend Managementkapazität vorhanden.

Nicht ganz klar ist offenbar, wer das Personal rekrutiert. Freyborn beansprucht die Personalhoheit für Seibersdorf Research, der wissenschaftlichen Holding-Vorstand habe da nichts mitzureden. Die Personalentwicklung ist allerdings Holding-Kompetenz. Konflikte sind vorprogrammiert. (ung, Der Standard, Printausgabe, 30.08.2004)

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