Muster: "Die Nostalgie braucht keiner"

21. September 2004, 13:36
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Österreichs Daviscup-Captain hat schon vier Wochen vor dem Ländervergleich mit England seine Hausaufgaben erledigt

Wien - Thomas Muster hat getan, was zu tun ist. "Die Hausaufgaben sind erledigt, ich habe mir ein Bild gemacht." Er war in Pörtschach, um alles zu organisieren, hat seine Wünsche und vor allem jene der Spieler deponiert, im Hotel wurde ein Stockwerk reserviert, Promotiontermine und Essenszeiten sind festgelegt, Extrawürste soll und darf es keine geben. "Wir sind ein Team, treten gemeinsam auf."

Ein zweiter Masseur wurde engagiert, damit die Kater keine Chance kriegen, der ÖTV lässt sich echt nicht lumpen. In vier Wochen, vom 24. bis zum 26. September, steigt auf Sand der Daviscup gegen England (eigentlich gegen Tim Henman), der Sieger bleibt Teil der Weltgruppe. "Wir haben Chancen, denn jedes Match beginnt bei 0:0."

Muster wird zum ersten Male auf der Bank sitzen, das ist die offensichtliche Tätigkeit eines Captains. Wie er den Job auslegt, offensiv (zum Beispiel aufspringen) oder defensiv (zum Beispiel Arme verschränken), hängt vom Verlauf der Partien ab. "Da gibt es keine Regeln, ich erfinde das Amt nicht neu. Ich muss auf die Spieler eingehen, ihnen zuhören oder auf sie einreden." Er selbst spüre kaum Nervosität. "Ich habe doch nichts zu verlieren, weiß, dass ich von denen abhängig bin, die auf dem Platz stehen."

Der Kreis der Kandidaten ist überschaubar, Jürgen Melzer und Stefan Koubek sind im Einzel gesetzt, auch Julian Knowle wird einberufen, er soll wie bisher das Doppel stützen. Muster hat intensive Gespräche mit jenen, die dem Tennis hauptberuflich nachgehen, samt ihren Trainern geführt. "Ich will und kann mich in den Alltag nicht einmischen, die Leute werden betreut. Ich kann Hilfe anbieten. Für das Rüstzeug sind andere verantwortlich, ich plane die Woche des Daviscups."

Die Spieler hätten kaum Berührungsängste gehabt, Muster hat jedem das Duwort angeboten, sie nahmen dankend an. "Respekt war schon vorhanden. Ich spreche mit ihnen, aber nicht über meine alten Zeiten, es geht um die Gegenwart und die Zukunft, die Nostalgie braucht wirklich keiner." Was er, Muster, zu vermitteln versucht, ist Folgendes: "Professionalität ist entscheidend. Es geht um die genaue Jobbeschreibung eines Spitzensportlers, die Berufsauffassung muss stimmen. Die Grundlage ist Arbeit - wer sein tägliches Pensum nicht erfüllt, scheitert. Auch Genies wie einst Sampras oder jetzt Federer schuften. Wenn sie das Gegenteil behaupten, ist das reine Koketterie."

Muster hat mit Koubek einige Tage lang trainiert. Das war der Wunsch seines Vorgängers Günter Bresnik, der die Einladung zum Daviscup übrigens abgelehnt hat. "Das verstehe ich, die Basis ist sehr gut, er vertraut mir." Für Koubek gelte Ähnliches wie für Melzer. "Beide besitzen Potenzial. Aber sie unterliegen zu großen Schwankungen, die Konstanz fehlt mitunter im Basisspiel. Sie müssen versuchen, das Grundgerüst zu stabilisieren." Auch das habe wenig mit Nostalgie zu tun. (DER STANDARD, Printausgabe, Samstag, Sonntag, 28.,29. August 2004)

Christian Hackl
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    Muster hat sich ans Sitzen gewöhnt, aus dem Sessel wird eine Bank.

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