Wiesen: Gottlose Pfarrerssöhnchen und ein Teufelsgeiger

2. September 2004, 14:33
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Sympathieträger dominierten den zweiten Tag des Festivals Two Days A Week im Burgenland

Wiesen - Die Buchstaben "KOL" waren aus schäbigem Isolierband auf die Basstrommel des Schlagzeugs geklebt. Davor standen drei langhaarige Gitarristen in Outfits, wie sie einst der Grunge-Rock in die Haute-Couture-Boutiquen der Welt gebracht hat: Pullover aus dem Salvation-Army-Store und Jeanshosen, die sich an neuralgischen Stellen bereits aufgelöst hatten und so einen kessen Blick auf die Knie dieser Pfarrerssöhne freigaben - die Knie der Kings Of Leon.

Die Musik der drei Brüder plus eines Nichtblutsverwandten, die tatsächlich Sprösslinge eines Predigers sind, wirkte ebenfalls zart nostalgisch. Wobei sich ihre Nostalgie weniger auf Grunge bezog, sondern viel mehr auf die Urväter des Holzfällerhemden-Rocks verwies: Creedence Clearwater Revival.

Das Country-Element von CCR weicht bei den Kings Of Leon - trotz Hauptwohnsitz in Nashville - jedoch einer härteren Gangart. Einem beschleunigten Junkie-Blues, der bei diesem Auftritt beim Festival Two Days A Week nicht selten an den Gun Club erinnerte. Jene Punkband aus den frühen 80ern, die ihr Fasziniertsein von diversen Südstaatenmythen in kaum je wieder erreichter Leidenschaft abarbeitete: Voodoo, besoffene Priester, Inzest und ähnlich Vertrauenswürdiges mehr.

Auch der Southern Rock der Allman Brothers oder ordentlich verkaterte AC/DC fielen einem bei dem Auftritt des Quartetts ein. Wie bei erwähnten Referenzbands regiert bei den Kings Of Leon eine überzeugende Geradlinigkeit. Keine Schnörkel. Kein artistisches Pipifax. Keine Showeinlagen lenken hier von der Musik ab. Auge um Auge, Saite um Saite. Am Gitarrenbrett umgreifen müssen ist schließlich Arbeit genug. "Ehrlicher" Rock also? Pah! Wahrheit bedeutet Arbeit. Die Lüge ist zwar eine Sünde, aber sie ist bequemer. Die Hölle kann warten. Mit diesem Fauler-Willi-Arbeitsethos waren die Kings of Leon so etwas wie ein charmanter Höhepunkt eines Festivaltages, der eigentlich ausschließlich von Sympathieträgern geprägt war.

Mit dem Tiger im Tank

Franz Ferdinand etwa, jene Schotten in Hosen, die den krönenden Abschluss des Abends mit ihrem hymnischen Tiger-im-Tank-Gitarren-Pop besorgten. Oder die wiedervereinigte US-Formation Urge Overkill, die in ihrem etwas sehr routiniert dargebotenen Best-of-Programm immerhin beweisen konnte, dass sie heute noch mehr Glamour im kleinen Finger hat als die darum hysterisch bemühten Kasperln von The Darkness.

Im Gegensatz zu diesen Hairy-Metal-Clowns gelang Urge Overkill vor rund zehn Jahren ein weit würdigerer Retro-Entwurf des 70er-Jahre-Rocks, den vor allem ein exzellentes Songwriting und - bei allen Verweisen - eine eigene Handschrift auszeichnete. Laut Sänger und Gitarrist Eddie "King" Roeser will Urge Overkill nach langer Auszeit erst einmal etwas Bodenhaftung bekommen und dann erst die Arbeit an einem neuen Album in Angriff nehmen.

Nach einem ebenfalls hinreißenden Auftritt der krankheitsbedingt jedoch etwas geschwächten britischen Pop-Euphoriker von Supergrass betrat jene Band die Bühne, die die vorherrschende Direktheit des Gebotenen jäh unterbrechen sollte: dEUS.

Wirklich überraschend kam das nicht. Galten die Belgier um Tom Barman in den 90ern doch als eine der Bands, die sich erfolgreich darum bemüht haben, Rockmusik unberechenbarer zu gestalten, sie mit Versatzstücken aus Pop und seiner Melodieverliebtheit aufzubrechen oder neu zu montieren.

Dass das damals wie heute nur mit einem gefestigten Nervenkostüm zu ertragen war, führte der Konzertverlauf dieses nun nach längerer Auszeit reformierten Quintetts wieder vor Augen. Zwar standen mit Songs wie "Worst Case Scenario" oder dem unausweichlichen "Suds & Soda" zwei absolute Hits der Band auf der Songliste. Die in diesen Stücken dominant auftauchende Geige wirkte in anderen, teils neuen Songs dann aber doch etwas überbeschäftigt.

Gitarrenexzesse

Geglänzt haben Barman und Co jedoch mit exotischen Sounds, die rhythmusgebend (in "Theme From Turnpike") ebenso Einsatz fanden wie in der Melodieführung einzelner Stücke - so dies die immer wieder die Kompositionen perforierenden Gitarrenexzesse zuließen. Eine heftige und trotz mancher Abstriche gelungene Wiederkehr. Ein neues Album soll im nächsten Frühjahr folgen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27.8.2004)

Von Karl Fluch
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