Eins, zwei, viele und nicht mehr

27. August 2004, 14:05
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Sprache prägt Wahrnehmung und Denken stärker als angenommen

New York - Menschen, die mit einer Sprache ohne Zahlen aufwachsen, können auch gedanklich eine unterschiedliche Anzahl von Gegenständen nicht unterscheiden, komplexere numerische Zusammenhänge nicht nachvollziehen. Zu diesem Ergebnis kommt Verhaltensforscher Peter Gordon von der Columbia-Universität in New York nach Beobachtung des Volksstamms der Pirahã am brasilianischen Amazonas. In der Sprache dieser fast isoliert lebenden Menschen gibt es nur die Zahlwörter eins, zwei und viele.

Bereits Ende der 1930er-Jahre stellte der Sprachwissenschafter Benjamin Lee Whorf die Theorie auf, Sprache determiniere Beschaffenheit und Inhalt des Denkens, forme somit des Menschen Weltsicht und Wahrnehmung der Realität. Bestimmte Denkkonzepte seien demnach überhaupt nicht zugänglich, wenn die Sprache dafür keinen Ausdruck kennt. Kritiker forderten seither einen Beweis für eine so starke Prägung.

Der könnte Gordon nun gelungen sein: Er zeigte einigen Pirahã eine Reihe von Gegenständen und bat sie, genauso viele Gegenstände vor sich hinzulegen. Bei bis zu drei Objekten machten die Indigenen keine Fehler, ab dann konnten sie die jeweilige Anzahl nicht mehr korrekt rekonstruieren. Auch dann nicht, wenn sie die Finger zum Zählen benutzten.

Einzige Ausnahme bildete ein Test, bei dem die zu zählenden Objekte nicht in gleichmäßiger Reihe, sondern mit unterschiedlich großen Abständen voneinander angeordnet waren: Hier gelang den Pirahã, auch bis zu neun Objekte richtig zu schätzen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21./22. 8. 2004)

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