Die Kunst des Reformierens

27. September 2004, 14:03
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Im Zusammenhang mit der Rechtschreibung ist zur Zeit viel von Reformen die Rede

Im Zusammenhang mit der Rechtschreibung ist zur Zeit viel von Reformen die Rede. Zu viel, wie die einen, zu spät, wie andere, zu hysterisch, wie dritte meinen. Vor allem Leute, die darauf bestehen, die Sprache mit den Amtsregeln ihrer Schreibe zu verwechseln, und daraus ein professionelles Recht ableiten, sie für gefährdet zu erklären, tun sich viel um. Längst ist Andreas Unterberger erlahmt, da läuft der Sprachpurist Cato Amok und fordert eine Reform der Reform. Wie auch Robert Menasse, der vorige Woche in der "Süddeutschen Zeitung" wider eine gestrige und zwangsassimilierte Rechtschreibung auftrat, dieselbe als rassistisch, neoliberal und rückwärtsgewandt bezeichnete, wobei er von sich behauptete: Ich spreche und schreibe Deutsch. Das große, weite und tiefe Deutsch, das die Reformer nicht verstehen.

Damit kam er bei einigen heimischen Kollegen nicht gut an. Die unterzeichneten ein im STANDARD veröffentlichtes Manifest Christian Ide Hintzes, in dem gefordert wurde: Keine "deutsche" Rechtschreibreform mehr! Sie wollen nicht mehr das große, weite und tiefe Deutsch schreiben, das die Reformer nicht verstehen, sondern fordern eine Staatssprache Österreichisch in einem europäischen Kontext. Um sich nach Erfüllung dieser Forderung in derselben auszudrücken, also Marmelade ins Konfitüreglas zu füllen?

Zu diesem Behufe fordern sie ferner, der EU das 1950 von Felix Hurdes und Ernst Fischer initiierte "Österreichische Wörterbuch" auf eine Weise bekannt zu machen, dass in Zukunft Skurrilitäten wie der so genannte "Marmeladestreit" einfürallemal vermieden werden. Ein patriotisches Ziel, des Poetenschweißes wohl wert, eine schallende Ohrfeige für jene, die dem Alpenvolk, begnadet für das Schöne, gnadenlos die Gams selbst im Gemsbart verweigern würden, nur um den Gämsen zu entrinnen.

Sie greifen bei ihrer Reformverweigerung auf eine Zeit zurück, in der das erste Nazi-Opfer Österreich seinen retardiert unbeugsamen Widerstand gegen den vormals begeistert begrüßten Anschluss an Deutschland - für kritische Ostmärker übrigens damals das Land der "Marmeladinger" - dadurch zum Ausdruck brachte, dass Schulkinder nicht mehr in Deutsch, sondern in "Unterrichtssprache" konditioniert wurden. Das war Österreichisch in einem typisch österreichischen Kontext.

Dazu fällt einem Helmut Qualtingers Reformvorschlag ein, den Buchstaben U aus dem Alphabet auszumerzen: Gäbe es doch so viele unanständige, mit christlicher Pädagogik unvereinbare Worte, die diese Letter enthielten. Dazu kam es nicht - Unterrichtsminister Hurdes hätte zurücktreten müssen. Die große Schwäche der jetzigen Reform: So weit würde eine Liesl Gährer nie gehen.

Wie man eine Reform durchzieht, die trotz kritischer Einwände letztlich einigermaßen akzeptiert wird, hat vorige Woche in vorbildlicher Weise DER STANDARD demonstriert. Für Johann Skoceks Kolumne im Olympia-Teil hatte Meister Oliver Schopf nach einer älteren Vorlage einen Kopf des Autors zu zeichnen, der wie die Rechtschreibreform den Erfordernissen der Jetztzeit angepasst sein sollte. Links sein erster Vorschlag.

Zugegeben, der Zeichner hatte für sein Werk nicht so viel Zeit wie die Rechtschreibreformer für das ihre, die Redaktionskonferenz nahm darauf aber keine Rücksicht und äußerte sich befremdet. Nicht so sehr vielleicht wie Robert Menasse über die angeblich neue Doppel-s-Regelung, aber in ähnlichen Worten. Zwar wollte niemand von rassistisch sprechen - wir sind ja keine Dichter -, aber die Skoceks haar- und bartumflortem Antlitz entströmende Dämonie habe fast schon etwas Gämsenhaftes, und werde der Milde seines Wesens in keiner Weise gerecht.

Anders als die Rechtschreibbürokraten beharrten weder Zeichner noch Chefredaktion auf diesem Bild, sondern zeigten sich zur Reform der Reform bereit. Das Ergebnis sehen Sie in der Mitte. Aber jene, die zu dem ihnen gewohnten Skocek zurück wollten, waren wieder nicht zufrieden. Nun wirke er geradezu zwangsassimiliert, ehrlich gesagt irgendwie gestrig, fast rückwärtsgewandt.

Spätestens jetzt hätte auch der geduldigste Rechtschreibreformer auf stur geschaltet. Aber nicht wir, wenn es ums Reformieren geht! Seit gestern gibt es Skocek III. Ich finde, nun ist er ziemlich österreichisch im europäischen Kontext. Aber die Olympischen Spiele dauern ja noch.

Grafik: Schopf

Allen kann man es natürlich nie Recht machten. So schrieb ein Leser: Die ersten paar Tage war diese Zeichnung ein erfrischend natürliches Bild mit charmanten Gesichtszügen. Ab Freitag haben wir einen rasierten und optisch wesentlich gezähmter wirkenden Johann Skocek. Gab es hierzu Interventionen braver Spießbürger? Aber, aber! Hier geht es doch nicht um eine Rechtschreibreform! (DER STANDARD, Printausgabe, 17.8.2004)

Von Günter Traxler
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