Hier hieß es: "Küss die Hand! Krepier!"

11. Jänner 2005, 16:40
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Ödön von Horváth setzte der süßlich verpackten Wiener Brutalität in den "Geschichten aus dem Wienerwald" ein Denkmal - DER STANDARD besuchte das Vorbild für den Schauplatz des Stückes

Ödön von Horváth setzte der süßlich verpackten Wiener Brutalität in den "Geschichten aus dem Wienerwald" ein Denkmal. Roman David-Freihsl und Christian Fischer besuchten das Vorbild für den Schauplatz des Stückes - in einer "stillen Straße im achten Bezirk".

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Wien - Es ist schon eine Wiener Besonderheit, diese charmante Niedertracht, diese in süßliche Freundlichkeit verpackte Brutalität. Kaum jemand hat die se Doppelbödigkeit besser beschrieben als Ödön von Horváth. Niemand hat sie je besser verkörpert als Helmut Qualtinger in den "Geschichten aus dem Wiener Wald". Das ist die dunkle Seite der Wiener Seele, wie der Zauberkönig seine Kundschaft verabschiedet: "Küss die Hand! Krepier!"

Die Szenerie, die Horváth als Vorbild für sein Theaterstück diente, ist schnell gefunden. In der Regieanweisung der Fassung in drei Bildern wird sie genau beschrieben: "Stille Straße im achten Bezirk - Von links nach rechts: Oskars gediegene Fleischhauerei . . . Daneben eine Puppenklinik mit Firmenschild ,Zum Zauberkönig' . . . Endlich: eine kleine Tabak-Trafik . . . Über der Puppenklinik befindet sich ein Balkon mit Blumen, der zur Privatwohnung des Zauberkönigs gehört."

Keine Totenköpfe

In den Anmerkungen wird ergänzt: "Der Originalschauplatz ist die Lange Gasse." Es ist die Nummer 29, das Haus sieht noch genau so aus - aber sonst ist fast alles anders.

Rechts finden sich keine "Scherzartikel, Totenköpfe, Puppen, Spielwaren, Raketen, Zinnsoldaten und ein Skelett" mehr im Fenster - jetzt preist ein Elektriker hier seine Waren an. Oben auf dem Zauberkönig-Balkon flattert eine Rapid-Fahne im Wind.

Und wieder unten, im linken Geschäft, hängen längst keine "halben Rinder und Kälber, Würste, Schinken und Schweinsköpfe in der Auslage" mehr - "Das Lange" hat selbst schon gemütliche Patina angesetzt; das kultige Lokal ist 1978 eröffnet worden, als man von der späteren Beisl-und Lokalszene Wiens nur träumen konnte.

"Zum wilden Mann"

Franz Platzer richtet gerade alles für den abendlichen Schankbetrieb her. Auch Herr Platzer ist anders als die Personen im Stück. Dieser Wirt hat überhaupt nichts von der süßlichen Vorstadtbrutalität und ist gleich begeistert bei der Sache. "Das Haus wurde 1708 erbaut, nach der zweiten Türkenbelagerung 1683 - damals waren die Häuser der Vorstadt gesprengt worden, um ein freies Schussfeld zu haben", weiß er aus dem Stegreif.

"Zum wilden Mann" habe dieses Haus einmal geheißen, das Nachbarhaus hieß "Zum weißen Lamm" und jenes an der Ecke zur Josefstädter Straße, in dem jetzt die "Fromme Helene" ist, hieß "Zur goldenen Schale". Ein Fuhrwerkshaus sei das einst gewesen.

Das literarisch verewigte Gebäude der Lange Gasse 29 war wiederum ein Weinbauernhaus. Ein Stock wilden Weines im üppig grün wuchernden Innenhof erinnert noch daran. So, wie die ganze Pflanzenwelt des Hinterhofes noch den Geist der alten Vorstadt vermittelt.

Früher Fleischhauerei

"Das Lokal dürfte früher wirklich eine Fleischhauerei gewesen sein. Bevor wir es eingerichtet haben, waren noch weiße Kacheln an der Wand", erinnert sich Herr Platzer.

Horváth selbst wohnte erst 1919 in einer Parallelstraße, bei seinem Onkel Josef Prehnal in der Piaristengasse, als er in Wien maturierte. Zwischen 1920 und 1931 war Horváth dreimal in der Pension Zipser, Lange Gasse 49, gemeldet.

Vieles hat sich im Vergleich zu den "Geschichten aus dem Wienerwald" hier verändert. Aber nicht alles. Draußen in der Lange Gasse wuchtet sich ein Mann in ein Auto, der locker als der vermisste Zwillingsbruder von Helmut Qualtinger durchgehen würde. "Geh, fahr endlich", grunzt er seine Frau am Steuer an. (DER STANDARD; Printausgabe, 14./15.8.2004)

  •    Das Lokal „Das Lange“ war Horváths Fleischhauerei (links), oben der Balkon des „Zauberkönigs“.
    foto: christian fischer

    Das Lokal „Das Lange“ war Horváths Fleischhauerei (links), oben der Balkon des „Zauberkönigs“.

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