Auf den Spuren der Komplexität

8. September 2004, 14:55
posten

Er dirigiert am Freitag den "Rosenkavalier": Semyon Bychkov im STANDARD-Interview über den KGB, Karajan und "Rosenkavalier"-Regisseur Carsen

Mit Bychkov ist Richard Strauss in den Händen eines Weltenbummlers, der einst aus Russland auswanderte, um von den USA aus Karriere zu machen.


Salzburg - Geheime Verschlusssache Rosenkavalier: Die öffentliche Orchesterhauptprobe wurde auf Wunsch der künstlerischen Leitung kurzerhand zur geschlossenen Arbeitsprobe. Und auch Dirigent Semyon Bychkov ist geneigt, sich bedeckt zu halten, wenn es um die szenische Umsetzung der Ideen von Strauss und Hofmannsthal geht. Ideen, die von Regisseur Robert Carsen in die finale Phase der Monarchie transponiert wurden - mit besonderer und durchaus drastischer Berücksichtigung der Freudenhauswelt.

Man hat allerdings nicht das Gefühl, hinter Bychkovs Verschlossenheit schlummere ein längst gefälltes Urteil, das er nur aus Friedensgründen zurzeit noch diplomatisch für sich behält: "Es ist einfach zu früh, die Arbeit zu kommentieren - ich muss die Aufführung erfahren; erst dann weiß ich, was wir geschafft oder nicht geschafft haben. Ich kann nur sagen: Ich schätze Robert Carsens Intelligenz und Sensibilität. Er ist sehr musikalisch, bringt gute Stimmung. Er ist sehr locker, aber er weiß, was er will und wie er es erklärt."

Darüber hinaus sei es schlichtweg so, dass die Proben an sich ein Prozess der Verfeinerung sind, der bis zur letzten Sekunde weitergehe. "Und sogar während der Vorstellungen geht das Feilen weiter." Wobei er nicht sagen würde, dass eine Premiere in der Regel nicht die beste Vorstellung einer Serie ist.

"Es kommt darauf an. Normalerweise, wenn das Stück gut vorbereitet ist, gibt es eine fantastische Entwicklung im Laufe der Folgevorstellungen. Wenn alles grundsätzlich nicht gut gemacht wurde, überlebt man die Premiere irgendwie. Danach aber wird es schlimmer und schlimmer. Sehr schmerzhaft."

Wenn er schon beim Wörtchen "schmerzhaft" ist, liegt es nahe, Bychkovs Biografie auf die "Bühne" zu bitten. Sie handelt von einem talentierten Dirigenten aus St. Petersburg (Jahrgang 1952), der 1973 beim Rachmaninow-Wettbewerb siegt, daraufhin von den Leningrader Philharmonikern eingeladen wird. Nach Denunziationen durch zwei "enge Freunde" wird er allerdings von der Kulturbürokratie wieder ausgeladen - angeblich habe er herumerzählt, das Land verlassen zu wollen.

Nach dieser Erfahrung allerdings war der Wunsch tatsächlich übermächtig geworden. Bychkov nutzt schließlich eine kurze Phase der "Liberalität", als man Juden das Verlassen des Landes genehmigte, und er reiste nach Verhandlungen mit dem KGB 1975 in Richtung USA aus. Ein Jahr später kamen seine Mutter und sein Bruder nach - dem Vater allerdings wurde die Ausreise zwölf Jahre lang verwehrt. "Ich war wirklich wütend, wollte nie mehr zurückkehren!"

Brief von Reagan

Inzwischen war er wieder - nun als amerikanischer Staatsbürger und heiterer Besitzer eines Begrüßungsschreibens von Präsident Ronald Reagan - mehrmals in Russland und sieht die Sache mit einer gewissen Entspanntheit. Es haben sich ja auch im Laufe der Jahre einige Karrieredinge ereignet, die fast Anlass geben würden, dem KGB "dankbar" zu sein: Nach Jahren in den USA wird Bychkov in den 80ern ziemlich bekannt, als er für Riccardo Muti und Eugen Jochum bei den Berliner Philharmonikern einspringt. Und Herbert von Karajan deutet in einem Interview an, dass er im jungen Kollegen gar seinen Nachfolger sehen würde.

Daraus wurde in Berlin nichts. "Das Wichtigste war aber, dass er meine Arbeit gelobt hat. Es hat natürlich viel Interesse bewirkt. Bei jenen jedenfalls, die Karajan schätzten. Bei jenen, die ihn nicht mochten, hat es geschadet. Aber ich hatte keine Wahl. Und hätte ich eine gehabt - gegen dieses Lob hätte ich mich nicht gesträubt."

Dass er bei diesem Rosenkavalier gleichsam nicht erste Wahl war, dass er erst nach den tragischen oder sonst wie begründeten Ausfällen von Sinopoli, Thielemann und Kleiber zum Zug kam, tangiert den Chefdirigenten des WDR-Sinfonieorchesters auch nicht sonderlich. "Dieses Stück ist so viel größer und wichtiger als wir alle, es ist eine Ehre, das machen zu können. Ich finde, Strauss ist nicht zurückgegangen im Rosenkavalier. Für mich ist klar, dass das unendlich komplex ist, was sich da abspielt, wenn man nur unter die melodische Oberfläche blickt. Eigentlich ist es komplexer als Elektra."

Er ist guter Dinge, diese Partitur mit den Philharmonikern, mit denen er an der Staatsoper auch Daphne erfolgreich zum Leben erweckt hat, bändigen zu können. Und das philharmonische Dienstsystem, das eine mitunter für die Proben unerquickliche Musikerrotation nach sich zieht? "Es ist natürlich nicht ideal. Aber wenn ich das Angebot annehme, darf ich wohl nicht mehr jammern." (DER STANDARD, Printausgabe, 4.8.2004)

Von
Ljubisa Tosic
  • Bild nicht mehr verfügbar

    Adrianne Pieczonka und Angelika Kirchschlager als "Die Feldmarschallin" und "Octavian".

Share if you care.