Der enge Hautsack der Existenz

27. Juli 2004, 19:42
posten

Falk Richter inszenierte für die Salzburger Festspiele "Die Möwe" und holte Tschechow in die Gegenwart

Ein Verlust an Leinen und Behaglichkeit, wettgemacht durch die erbarmungslose Präzision des Blicks.


Salzburg - Kampftürkis attackiert die Frühstücksgrotte im alten Salzburger Hotel Amadeus die morgenmüde Netzhaut. Fortschritt, falsch verstanden, kleidet sich bevorzugt grell. Ein Problem, das ähnlich schon Tschechow beschäftigte: Die Modernisierer, die Kirschgärten abholzen, sind den müde Beharrenden nur einen energischen Schritt in den Abgrund voraus. Doch auch das Beharren, fehlt ihm die Liebe, die Neugier auf Neues, erstickt.

Das alte Tschechow'sche Dilemma - in dem es sich behaglich unbehaglich einrichten lässt. Mitunter auf Kosten der Jugend: In der 1896 mit geringem Erfolg in St. Petersburg uraufgeführten Möwe zerbricht eine ganze Generation - der junge Dichter Kostja, das Mädchen Nina, die hoffnungslose Mascha, der bitterarme Lehrer Medwedenko - an der satten Selbstgerechtigkeit (satt, das Wort fällt wohl ein Dutzend Mal) der Arrivierten. So kann es geradezu als symbolträchtiger Akt verstanden werden, dass Jürgen Flimm in seinem letzten Jahr als Schauspielleiter der Salzburger Festspiele just dieses Stück, als (sieht man vom Jedermann einmal ab) große Eröffnungsinszenierung des Schauspiels, dem 1969 geborenen Falk Richter anvertraute.

Zumal der Konflikt der Generationen in der Möwe auch einer der Kunstauffassung ist: Der junge Dichter Kostja ringt um die Erneuerung der Form, spöttisch belächelt von seiner Mutter, der gefeierten Diva Arkadina und ihrem Geliebten, dem erfolgsverwöhnten Autor Trigorin.

Falk Richter nahm den Auftrag an - und verbannte alle gewohnte Tschechow-Behaglichkeit von der Bühne: Teppiche, Korbstühle, Teegeschirr und Samoware mussten ebenso dran glauben wie der gute weiße Leinenanzug und das sanftgoldene Spätsommerabendlicht, Nukleus wohliger Tschechow-Ästhetik. Zugegeben: ein herber Verlust, den man anfangs eher unwillig hinnahm. Die hässliche Gegenwart, samt Plastikstühlen und -wasserflaschen, samt Neonlicht und Billigmode, sie hat uns wieder. Da hilft auch kein roter Samtfauteuil im Landestheater. Selbst die Wolken am Horizont der, bis auf ein weißes Holzgerüst im Hintergrund, leer geräumten Bühne kamen vom Videobeamer. Mehr Natur war nicht.

Vor Jahren hatte Marthaler an der Berliner Volksbühne die Drei Schwestern in die postsozialistische Gegenwart geholt, samt schlecht verlegter Leitungen und abgewohnter Palastarchitektur. Allein: Er hatte ihnen die Langsamkeit, die freundliche Schrulligkeit in großem Maße bewahrt. Nicht Falk Richter: verstörend schnell, im zeitökonomischen Takt der Gegenwart, hebt, neonbeleuchtet, das hektische Geplauder an. Weniger tschechowsch, so scheint es, war Tschechow nie. Und doch: Spätestens mit dem zweiten der vier Akte entwickelt der Abend eine eigentümliche Sogkraft.

Immer stärker gewinnen die Figuren unter Richters gänzlich unmelancholischem, erbarmungslos nüchternem Blick an Kontur. Und geben den Blick frei auf eine Gesellschaft, in der auch die so genannten Erfolgreichen kaum veranlagt sind zum Glück: Die zynische Selbstsucht der Diva Arkadina verdeckt, was ihr Körper im grandiosen Spiel der Sylvana Krappatsch bloßlegt: mager gehungerte, fitnesserstarrte Vitalität, die das Altern ebenso wenig zu bannen vermag wie den Verlust des genusshungrigen Geliebten. Der wiederum, der Erfolgsautor Trigorin, ist bei André Jung satter Überdruss: jede Geste feist, müde, schwitzend, ungepflegt. Selbst die Verführung der jungen Nina scheint diesem Lebensmüden mehr Anstrengung denn Verheißung.

Lied ohne Trost

Und die Jugend. Auch hier singt das präzise Spiel der Körper das Lied der Trostlosigkeit. Die geniale Jule Böwe als blasse Mascha: strähniges, mausbraunes Haar, meterdicker Kajal, Netzstrümpfe, schwarzes Outfit, hängende Schultern und Bier aus der Flasche. Null Bock und keine Hoffnung auf Glück. Und Nina? Das strahlend bunte, wohlig mollige Mädchen vom Land (Yvon Jansen), der Glückskörper, die Möwe, deren Flügel der träge Trigorin gähnend knicken wird.

Zunehmend enthüllt denn auch das schnelle, isolierte Sprechen den Kern der tschechowschen Dialoge - ihren faktischen Monologcharakter. Keiner, der zuhören würde. Ein jeder eingeschlossen im Hautsack seiner Existenz.

Wie gesagt: Wer kulinarisches Tschechow-Leinen erwartete, fand Nylon. Der Trost des sinnlichen Genusses blieb in Falk Richters Inszenierung verwehrt. Auch von der Komödie, als welche Tschechov Die Möwe betitelte, blieb kaum eine Ahnung erhalten. Statt dessen: ein ungemütlicher Blick auf eine wenig zur Liebe begabte Gegenwart. Tschechow heute. Grausam geglückt. Im Unterschied zur Frühstücksgruft im Hotel Amadeus. (DER STANDARD, Printausgabe, 28.7.2004)

Von
Cornelia Niedermeier
  • Bild nicht mehr verfügbar

    Eine Jungschauspielerin (Yvon Jansen als Nina) unter Beobachtung, die in Falk Richters Tschechow-Deutung die Exaltationen des scheiternden Lebens mitmacht.

Share if you care.