"Wien ist schon Chicago geworden"

30. Juli 2004, 12:04
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Täglich bis zu 4000 Notrufe bei der Wiener Polizei - mit steigender Kriminalität wird auch die Wartezeit beim Polizeinotruf länger

Wien - "Wie heißt die Straße, haben Sie gesagt? Julius-Blutschlich-Straße?", fragt Andreas Stocker die Anruferin, während er im Computer die Adresse sucht. "Ja, ja, hinter dem Zentralfriedhof", kommt die Antwort, die dem 34-jährigen Polizisten leider nicht weiterhilft. Denn auf dem Bildschirm scheinen zwar haufenweise mit "Julius-" beginnende Adressen auf, allerdings liegt keine in der Nähe der Begräbnisstätte.

Erst ein Kollege klärt das Problem: Gemeint ist die Mylius-Bluntschli-Straße. Dort steht seit dreieinhalb Stunden ein Lkw mit laufendem Motor, was der Dame so verdächtig vorkam, dass sie den Polizeinotruf 133 gewählt hat.

4000 Anrufe pro Tag

Vier Beamte sitzen in der Funkzentrale im ersten Stock der Bundespolizeidirektion am Wiener Schottenring an ihren Schreibtischen, umgeben von drei Monitoren und der Telefonanlage und nehmen die Anrufe entgegen. 3000- bis 4000-mal pro Tag melden sich seine Beamten mit "Polizeinotruf", erzählt Permanenzoffizier Johannes Hartl. Zu Einsätzen führt maximal ein Viertel der Telefonate - der Rest sind Juxanrufe oder Menschen, die einfach reden wollen. Auch Handybenutzer, die im Geschäft die neuen Modelle mit der ohne SIM-Karte anwählbaren 133 testen, belasten die Leitungen.

Eine Rolle spielt aber auch die steigende Kriminalität. "Die Leute müssen immer länger warten, sowohl am Notruf als auch bis die Funkstreifen eintreffen", gesteht Stocker ein. Wie zum Beweis hört man gerade seinen gegenübersitzenden Kollegen: "Sie müssen noch etwas warten, wir arbeiten eh so schnell, wie wir können", versucht er einen Anrufer am Telefon zu besänftigen.

Priorität 1 bis 9

In welcher Reihenfolge die Fälle abgeordnet werden, ist automatisch festgelegt. Alle denkbaren Delikte können per Abkürzung in den Computer eingegeben werden, die damit verknüpften Prioritäten reichen von eins für Mord und Raub bis neun für Verwaltungsübertretungen wie Parkverbote.

Ist klar, was wo passiert ist, übernehmen die nächsten vier Beamten. Sie sitzen im selben Raum und sind für die Funkkreise zuständig, in die Wien aufgeteilt ist. Die rund 120 Funkstreifen bekommen von hier ihre Aufträge, das System erkennt selbständig, welcher Wagen dem Einsatzort am nächsten ist. Nebenbei kann damit auch die Arbeit der Streifen überwacht werden.

Bei Großveranstaltungen wie dem Begräbnis von Bundespräsident Thomas Klestil gibt es eigene Teams, die nur mit der Koordinierung der Einsatzkräfte beschäftigt sind. Auch Fußballspiele werden von einem eigenen Beamten bearbeitet.

Zwölf Stunden dauert eine Schicht, vier Stunden Pause sind dabei inkludiert. In der Urlaubszeit kann es aber vorkommen, dass weitere neun Stunden mit drei Stunden Pause angehängt werden müssen. Sieht man 14 Stunden lang die einlaufenden Meldungen, schwindet offenbar das Vertrauen in das Gute im Menschen. "Ich weiß nicht, ob ich das jetzt sagen darf, aber Wien ist schon Chicago geworden", meint ein Beamter. Und präsentiert als Beleg die Auflistung der angezeigten Einbrüche der vergangenen 14 Stunden: auf fünf Seiten finden sich gut 75 Meldungen.

Streit um Zulage

Grundsätzlich sei die Stimmung im Team aber gut, versichert Offizier Hartl. Zu bemängeln hat er dennoch etwas: Obwohl auf jedem Tisch seiner Leute drei Monitore stehen, wird seit neun Jahren darum gestritten, ob es sich um Bildschirmarbeitsplätze handelt. Dann würde es nämlich eine Zulage geben.

Während weiter Raufereien, Lärmbelästigungen und auch ein Selbstmord gemeldet werden, gibt die Funkstreife im Fall des Lkw beim Zentralfriedhof Entwarnung. Nicht der Motor, sondern die Klimaanlage sei gelaufen, kein Fall für die Polizei also. (Michael Möseneder; DER STANDARD, Print-Ausgabe, 26. Juli 2004)

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  • Vier Beamte in der Funkzentrale der Wiener Polizei nehmen täglich bis zu 4000 Notrufe entgegen. Mit der steigenden Kriminalität wird auch die Wartezeit beim Polizeinotruf 133 immer länger.
    foto: derstandard.at/ped

    Vier Beamte in der Funkzentrale der Wiener Polizei nehmen täglich bis zu 4000 Notrufe entgegen. Mit der steigenden Kriminalität wird auch die Wartezeit beim Polizeinotruf 133 immer länger.

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