Versteckspielen ist keine Option

27. Juli 2004, 13:37
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Vorreiter in Skandinavien - Lunacek: Wollte nicht erpressbar sein - Entspannte BritInnen

London/Wien - "Wie immer waren die Skandinavier die Vorreiter", sagt Kurt Krickler von der Homosexuellen Initiative Wien. Dort gebe es seit Jahrzehnten offen homosexuelle PolitikerInnen: In Dänemark habe es Torsten Lund zum Gesundheitsminister gebracht, in Norwegen - "dort sind die Konservativen die schwulste Partei überhaupt" - kam Per-Kristian Foss zu Ministerehren. In Schweden traten bei den vergangenen Parlamentswahlen nicht weniger als 50 deklarierte Homosexuelle an, fünf wurden gewählt.

Bekennend schwule oder lesbische Parlamentsabgeordnete, so Krickler, gebe es weltweit "wie Sand am Meer". Die einzige in Österreich ist die Grüne Ulrike Lunacek. Sie sitzt seit 1999 im Hohen Haus und hat nie einen Hehl aus ihrer sexuellen Orientierung gemacht: "Ich habe das immer gesagt, auch weil ich nicht erpressbar sein wollte." Damit habe sie "im Großen und Ganzen positive Erfahrungen gemacht", nie sei sie offen diskriminiert worden.

Peter Mandelson, der New-Labour-Vordenker und künftige EU-Kommissar, outete sich indes nicht selbst, sondern wurde geoutet. Ein Journalist nannte ihn 1998 in der BBC auf die Frage, ob er schwule Minister in Blairs Kabinett kenne. Kurz darauf machte Landwirtschaftsminister Nick Brown seine Homosexualität öffentlich.

Auch Michael Portillo, lange Zeit aufstrebender Tory-Star und Exverteidigungsminister, gab zu, als Student in Cambridge Sex mit Männern gehabt zu haben. Zuletzt bekannte sich Alan Duncan von den Tories zu seinem Schwulsein: "Als Politiker Versteck zu spielen ist doch in der modernen Welt einfach keine Option." Umfragen bestätigen inzwischen, wie entspannt die Briten über das Sexualleben ihrer Politiker urteilen. 60 Prozent ließen wissen, sie würden auch einen schwulen Premier akzeptieren.

So tolerant sieht man die Dinge weiter südlich nicht: Der Pariser Bürgermeister Bertrand Delanoë wurde 2002 von einem Schwulenhasser niedergestochen, in Italien oder Spanien gibt es kaum deklariert homosexuelle Politiker (eine der wenigen Ausnahmen ist der bisexuelle römische Grünenchef und Exagrarminister Alfonso Pecoraro Scanio). In Peru wurde die lesbische Ministerpräsidentin Beatriz Merino geoutet und trat Ende 2003 lieber zurück, als sich zu ihrem Lesbischsein zu bekennen. (fh, pra, DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 26.7.2004)

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