Wenn Abstriche, dann bei allen

23. September 2004, 16:35
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Die Einigung bei DaimlerChrysler ist ein Modell zur Sicherung von Arbeitsplätzen

Die Debatte über eine Verringerung der Arbeitskosten in der Bundesrepublik verlief bisher typisch deutsch: Jeder verlangt das Maximale, die Forderungen prallen mit voller Wucht aufeinander, jeder steigt auf die Barrikaden. Dabei ist mit gutem Willen eine Einigungsmöglichkeit zum Greifen nahe.

Ausgelöst hatte die Debatte der Siemens-Konzern mit der Drohung, Standorte ins Ausland zu verlagern, um Mehrarbeit ohne Lohnausgleich zu erreichen. Nach diesem Akt der Erpressung, auf den sich die IG Metall einließ, wollten dies andere Unternehmer auch. Nach wochenlangen erbitterten Debatten, in denen sich Arbeitgeber und Wirtschaftsvertreter zu Forderungen wie einer pauschalen 50-Stunden-Woche und dem Verzicht auf eine Woche Urlaub verstiegen und die Gewerkschaften sich in einer Nein-Sager-Position einbunkerten, ist wieder die Betriebsebene erreicht. Und siehe da, hier klappt es mit der Verständigung, wie der Fall DaimlerChrysler zeigt.

Vorstands-Verzicht ebnete Weg

Allerdings müssen beide Seiten zu Zugeständnissen bereit sein. Erst als DaimlerChrysler-Vorstände angeboten hatten, auf einen Teil ihres Gehalts zu verzichten, waren die Mitarbeiter bereit, ein 500-Millionen-Euro Sparpaket im Gegenzug für eine Standortgarantie bis 2012 mitzutragen. Denn es kann wahrlich nicht angehen, dass den Arbeitern und Angestellten mehr und mehr Einschnitte zugemutet werden, sich das Management aber selbst Gehaltssteigerungen genehmigt.

Es geht hier auch um soziale Ausgewogenheit und Gerechtigkeit. DaimlerChrysler hebt sich damit positiv ab vom Tourismuskonzern Thomas Cook oder der Kaufhauskette Karstadt, wo die Beschäftigten einseitig eine Anhebung der Arbeitszeit auf 40 Stunden und mehr ohne Lohnausgleich akzeptieren mussten.

Zum weithin in Deutschland vorherrschenden Gefühl der Unverhältnismäßigkeit hat auch der Mannesmann-Prozess beigetragen, bei dem es um Abfertigungen in Höhe von insgesamt 57 Millionen Euro für Manager ging und der mit einem Freispruch endete. Auch durch die Reformen, die die rot-grüne Regierung den Menschen aufbürdet, ist der Eindruck noch verstärkt worden, dass vor allem bei den so genannten kleinen Leuten gespart wird, während die großen ungeschoren davonkommen. Die Regierung hat es bisher verabsäumt, den gut Verdienenden und Vermögenden Ähnliches zuzumuten wie Langzeitarbeitslosen durch die Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe. Eine Reform der Erbschafts- und die Tobinsteuer (auf Finanztransaktionen) wurden diskutiert, aber ohne Ergebnis.

Leitmotiv für die Reformdebatte

DaimlerChrysler hat es nun vorgemacht: Wenn es alle betrifft, fällt der eigene Verzicht leichter. Oder, wie es Konzernchef Jürgen Schrempp ausgedrückt hat: In Deutschland müsse man lernen, etwas abzugeben, um etwas anderes - in diesem Fall Beschäftigungssicherung - zu bekommen. Das kann ein Modell für VW sein, wo man auch in einem Gesamtpaket die Personalkosten um 30 Prozent senken will - inklusive Managergehälter. Darüber hinaus könnte der Grundtenor bei DaimlerChrysler zum Leitmotiv für Deutschlands Reformdebatte werden: Alle machen beim Verzicht mit und tragen ihr Scherflein dazu bei.

Dies könnte auch ein Motto für Österreich sein, obwohl Einzelheiten der DaimlerChrysler-Einigung nicht einfach übertragbar sind. Es geht um das Prinzip der Ausgewogenheit, egal, ob es sich nun um DaimlerChrysler oder die Pensionsharmonisierung handelt. Das spricht für das sozialpartnerschaftliche Modell und eine Kultur des Miteinander, die auch in Österreich häufig zu vermissen ist. Das Modell DaimlerChrysler zeigt auch, dass Deutschland - und Österreich - keine pauschale Arbeitszeitlänge oder Diskussionen über Urlaubs- und Feiertage braucht, sondern mehr Flexibilität in den Verhandlungen vor Ort. Wenn Arbeitgeber und Arbeitnehmer gemeinsam Lösungen überlegen statt aufeinander loszugehen, ist das ein Vorteil für jeden Wirtschaftsstandort und Lebensraum. (Alexandra Föderl-Schmid, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 24./25.7.2004)

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