Patrick Wolf: "Lycanthropy"

    4. Oktober 2005, 12:58
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    Björk als Bub in der Hölle der Pubertät

    ... der Mann muss eine ziemlich verstörende Pubertät durchlebt haben - und allzu lange hat er sie ja auch noch nicht hinter sich gelassen.

    Die Motive: Unschuld. Verfolgung. Verführung. Puls des Blutes. Verwandlung zum Werwolf. Geschlechterwechsel. Selbstverstümmelung. Kindesmissbrauch. Rettung durch Peter Pan.

    "I used to say just follow your dreams, but my dreams always led me to murder"

    "Lycanthropy", das Debüt-Album des 20-jährigen irischstämmigen Engländers Patrick Wolf, ist zugleich die Chronik seines Heranwachsens - entstanden über mehrere Jahre hinweg, beginnend als er elf war. Transformation und Übergang sind das - logische - zentrale Thema, für das Wolf sämtliche semantischen Felder rings um die Werwolfs-Metapher abgegrast und damit alle Songs der CD zu einer gemeinsamen Mitte geführt hat. Dass die auch noch zum Namen passt, ist bloß die Krönung - dem Zufall überlassen bleibt auf "Lycanthropy" jedenfalls nichts.

    Wolf heult natürlich auch, vor allem aber singt er inbrünstig - in einer Sprache, die vor archaischen Bildern, Sex- und Gewaltfantasien nur so strotzt. Darin ist er auf seine Art Nick Cave (zum Glück ohne Griff in die biblische Schublade) ebenso ähnlich wie der verspielten und alles-zitierenden Privat-Mythologie der frühen Kate Bush. Und noch ein Name fällt im Zusammenhang mit Patrick Wolf laufend:

    Als "Björk as a boy" hat die englische Presse das "wonderkind" gefeiert. Auch Björk hat schon in ihren frühen Teenager-Tagen begonnen, ihren höchst eigenen musikalischen Kosmos zu entwerfen. Und - eine etwas oberflächlichere Parallele - das Björk und den meisten anderen isländischen MusikerInnen verhasste E-Wort (mit -lfe am Ende) muss sich auch Mr Wolf gefallen lassen, der sich mit einem vergleichbaren Geschmack für schräge Outfits dito zur Kunstfigur stilisiert.

    "No need for comfort, no need for light, I'm hunting down demons tonight"

    Vor allem aber liegt die Ähnlichkeit in der Musik selbst: "Lycanthropy" ist zwar in sich völlig stimmig, dennoch werden hier Sounds nebeneinander gestellt, gegeneinander ausgespielt und zu etwas Neuem kombiniert, die auf den ersten Blick völlig unvereinbar scheinen.

    Laptop-Beats treffen auf ein Kammerstreicherensemble, und das auf Analog-Synthesizer. Ein Menuett wird mit übersteuertem Elektro-Bass à la Alec Empire abgemischt. Auf hippiesken Folk mit Akustik-Gitarre folgt Jungle. Und zwischendurch spielt Wolf das Akkordeon, die Ukulele oder die Theorbe, ein altes Instrument ähnlich der Laute. Und das Faszinierendste daran: irgendwie passt das alles tatsächlich zusammen.

    "I want total chaos and a holiday home in the east"

    Seit einem Jahr ist Patrick Wolf mehr oder weniger ständig am Touren - ein Video-Ausschnitt aus einem Live-Auftritt ist in der linken Spalte zu finden, ebenso wie Musik-Clips (Empfehlung: "Bloodbeat", das vielleicht beste Stück auf "Lycanthropy").

    "Lycanthropy" ist: wild wuchernd, manchmal sperrig, manchmal niedlich, insgesamt größenwahnsinnig und anmaßend, wie es nur ein Fast-Teenager kann (wer sonst würde sich trauen, Mondgöttin Selene und den Asen-Wolf Fenrir my saviour anzurufen), manchmal noch nicht ganz ausgegoren, in jedem Fall aber beständig verblüffend. Mit anderen Worten: ein großer Wurf.

    ... und falls nicht noch ein Wunder vom Himmel fällt (oder aus der Hölle steigt), meine CD des Jahres.
    (Josefson)

    • Patrick Wolf: "Lycanthropy" (Tomlab 2004)
      coverfoto: tomlab

      Patrick Wolf: "Lycanthropy" (Tomlab 2004)

    • Artikelbild
      foto: tomlab/patrick wolf
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