KHG-Kurspflege

23. September 2004, 16:35
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Helmut Spudich über Schein und Sein des Finanzministers

Es ist schon lange her, dass wir vom Propheten des Nulldefizits die Botschaft gehört hätten, wonach ein guter Tag mit einem sanierten Budget beginnt. Derzeit wächst die Neuverschuldung schneller als das Wirtschaftswachstum.

Das bedeutet, dass wir nicht nur kein saniertes Budget haben, sondern am Ende des Tages - nämlich am Ende des berühmten Konjunkturzyklus - auch noch einen größeren Schuldenberg.

Dafür hat der Finanzminister null Defizit bei der Kurspflege der vorübergehend in eine Homepage-Krise geschlitterten KHG-Aktie, auch wenn man dazu als junges Paar von nebenan mit der neuen Freundin auf dem Titelblatt eines Kleinformats posieren muss.

Daheim, wo bekanntlich der Prophet stets wenig gilt, setzt er sich neuerdings mit rührender Vehemenz für die Bekehrung unserer feiertagsverliebten Gesellschaft zu mehr Arbeit ein - eine Sache, für die der Finanzminister zwar nicht zuständig ist, die aber ein Herzensanliegen des neuen Industriepräsidenten Veit Sorger ist.

Schließlich könnte da ja noch eine kleine Rechnung offen sein, für eine sechsstellige Eurosubvention der Industrie, die der Verein zur Förderung der Freunde der KHG- Aktie in den Sand gesetzt hat.

Und auf europäischer Ebene, wo der talentierte Mr. KHG, seit er den Deutschen für ihr ausuferndes Defizit quasi übers Maul fahren wollte, nicht einmal mehr unter "ferner liefen" auf Kandidatenlisten für die Kommission gehandelt wird, vollzog er eine bemerkenswerte Kehrtwendung: besser die Braven belohnen als die Bösen bestrafen.

Zwar würden sich die Braven ihre Belohnung damit selber zahlen, aber sinnvolle Politik ist ohnedies keine Kategorie der Kurspflege. Wer weiß, vielleicht ist ja doch noch ein Job in Brüssel drinnen. Oder sonst halt als Feiertagsdirektor in der heimischen Industrie. (DER STANDARD Printausgabe, 19.07.2004)

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