Der Moore-Effekt

20. Juli 2004, 11:52
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Von Barbara Coudenhove-Kalergi

Ist eine neue Linke im Entstehen? In Europa kann man das nicht behaupten, obwohl die hiesigen Arbeitnehmer, geplagt von Globalisierung, Sparprogrammen und neoliberalen Reformen allen Grund zur Unzufriedenheit haben. Nein, der originellste linke Impuls kommt derzeit ausgerechnet aus dem am wenigsten linken Land der Welt, den Vereinigten Staaten. Sein Name ist Michael Moore. Der rundliche Mann mit der Baseballmütze und dem Prolo-Charme hat mit seinem radikalen Anti-Bush-Film "Fahrenheit 9/ 11" in seinem Heimatland innerhalb von zwei Wochen 7o Millionen Dollar eingespielt. Es ist der erfolgreichste Dokumentarfilm aller Zeiten. Die Leute stehen Schlange vor den Kinos, nicht nur in den Großstädten mit ihrem liberalen Schickimicki-Publikum, sondern auch in der tiefsten amerikanischen Provinz, wo die eingefleischten Bush-Wähler zu Hause sind. Vorige Woche ist der Film in Europa angelaufen, demnächst kommt er auch nach Österreich.

Michael Moore macht kein Hehl aus seinem Ziel: Er will die verschlafenen amerikanischen Wähler an die Urnen bringen, vor allem die Arbeiter und kleinen Angestellten, die traditionell nicht wählen gehen und nach seiner festen Überzeugung damit denjenigen zur Macht verhelfen, die die Reichen reicher und die Armen ärmer machen. Amerika ist ein 5o/5o/5o-Land, sagt der Filmemacher, bei den Wählern steht es fifty/fifty zwischen Demokraten und Republikanern, aber rund fünfzig Prozent sind Nichtwähler, vorwiegend arme Teufel, um die sich niemand kümmert.

Michael Moore kümmert sich. In "Fahrenheit" folgt er mit der Kamera Rekrutierungskommandos der Armee, die in den ärmsten Vierteln Soldaten für den Irak-Einsatz werben. Und er fragt reiche republikanische Politiker, warum sie ihre Kinder nicht in den Krieg schicken, den sie propagieren.

Neu am Phänomen Michael Moore ist erstens sein proletarischer Hintergrund und zweitens sein Witz. Der Arbeitersohn aus der Autostadt Flint in Michigan, der als Halbwüchsiger Priester werden wollte, ist kein typischer intellektueller "liberal". Er unterstützt zwar John Kerry, aber er hält nicht all zu viel vom Herausfordererpaar Kerry-Edwards (beide stimmten für den Krieg). Moore will Druck machen, von links. Es ist ihm todernst mit seinem Kampf, aber er kämpft mit den Waffen eines hemdsärmeligen, zutiefst amerikanischen Humors. Als er vor einigen Monaten im Wiener Volkstheater auftrat, bog sich der ganze Saal vor Lachen.

Ob ein einzelner Mann bzw. ein einzelner Film die Schicksalswahl im November beeinflussen kann? George W. Bush ignoriert "Fahrenheit 9/11". John Kerry sagt, er habe den Film nicht gesehen. Lieber nicht anstreifen an den polarisierenden wilden Mann. Aber nach der Premiere verzeichnete Kerrys Kriegskasse einen deutlichen Anstieg der Spenden, vor allem kleinere Beträge von Privatpersonen.

Michael Moore ist ein Aufklärer, der mobilisieren kann wie kaum einer vor ihm. US-Medien meinen, dass er jetzt schon die Spielregeln für künftige Präsidentenwahlen verändert hat. Die Woche, in der "Fahrenheit 9/11" in die Kinos kam, schreibt das Magazin Time, werden die Amerikaner so in Erinnerung behalten wie seinerzeit die legendäre Fernsehdebatte zwischen John F. Kennedy und Richard Nixon - als einen historischen Wendepunkt in der Entwicklung der Medien wie auch der Politik.

Und die Europäer? Auch die europäische Linke liebt Michael Moore. Aber einen wie ihn, einen Tribunen mit Witz, hat sie bisher noch nicht hervorgebracht. Brauchen könnte sie ihn. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19 7. 2004)

Kolumne von Barbara Coudenhove-Kalergi
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